Die Welt mit uns: Das manifestierte Mensch-Sein

Frank Nöthlich
Die Welt mit uns: Das manifestierte Mensch-Sein

Inhalt

An den Leser                         
Die Krone der Schöpfung                                      
Das einfache Menschenleben           
Das Menschenmögliche                                                        
Unternehmer und Übergeber                                                             
Die Herren machen das selber ……………….1                                                  
Der häusliche Mensch                
Die Marktwirtschaft kennt keine Ethik……….2                  
Zum Schluss ………………………………………..3                                                   

1 Die Herren machen das selber

 

„Die
Herren machen das selber, dass ihnen der
arme Mann Feind wird”, ist eine schriftlich hinterlassene Feststellung Thomas
Müntzers. Man kann sie als eine Begründung dafür ansehen, warum sich der
Prediger mehrfach aufständischen Bauern zur Empörung wider die Tyrannei anschloss.
Nicht in die Schweiz und zu den Täufern zog es ihn, sondern zu den aufständischen
Bauern, die sich im Südwesten des Reiches im Sommer 1524 erhoben hatten. Später
ging er dann zu den Thüringer Aufständischen, mit denen er das schreckliche und
bittere Ende dieses Kampfes um Gerechtigkeit und menschliches Miteinander zu
ertragen hatte. Er habe den Bauern gepredigt und etliche Artikel gegeben,
woraus dann andere Artikel gemacht hätten, bekennt Müntzer später auf der
Folter.

 Gerhard Brendler
meint in seiner Müntzer-Biographie: “In Thomas Müntzer tritt uns wohl der
älteste Typ des Revolutionärs entgegen: ein Gottesstreiter. Im alten Testament
schon gibt es ihn; der Zimmermann Jesus aus Nazareth gehört auf seine Weise
dazu wie die Taboriten und manch andere vor ihnen und nach ihnen bis in unsere
Tage“. Und schließlich kommt der Historiker zu der Feststellung: „Revolutionäre
dieser Art sind rebellisch, störrisch und unerbittlich, verwundbar, sensibel
und meist nicht sehr glücklich. Sie interessieren sich nicht für das Mögliche
und für das Machbare, nur für das Ewige. Sie liegen immer quer.”

 Was ist
revolutionär, wie sind revolutionäre Handlungen und Bewegungen zu werten? Der
Begriff Evolution bezeichnet den Vorgang einer allmählich quantitativ
fortschreitenden Entwicklung vom Niederen zum Höheren, die an bestimmten
Knotenpunkten in qualitative Veränderungen umschlägt. Als revolutionär wird ein
einschneidender sich sprunghaft von einer Qualität in eine andere vollziehender
Umwälzungsprozess bezeichnet. In beiden Fällen werden Bewegungsvorgänge
beschrieben, die sich so sowohl in der Natur, als auch in der menschlichen
Gesellschaft und im Erkenntnisprozess vollziehen.

 Durch die
Bewegungen, besonders das Arbeiten, die die Menschen notwendigerweise, um leben
zu können, auszuführen haben, greifen sie zunächst unbewusst und richtungslos
verändernd in die vorgefundene Wirklichkeit ein, sie sind aber auch in der Lage
mittels ihrer Fähigkeit, die Wirklichkeit in ihrem Bewusstsein widerspiegeln zu
können und mit Willen und zielorientiert Einfluss auf die Bewegungen allen
Seins zu nehmen. Um menschliches Handeln moralisch zu werten, ist es
unerheblich, ob dabei auf revolutionär beschleunigte oder evolutionär behäbige
Prozesse bewusst eingewirkt wird, sondern, in welcher Richtung diese Prozesse
beeinflusst werden sollen.

 Als Karl, der
Enkel Maximilians, im Jahre 1515 die Herrschaft in den siebzehn Provinzen der
Niederlande antrat, war er fünfzehn Jahre alt. Die siebzehn Provinzen umfaßten
vier Herzogtümer, sechs Grafschaften und fünf Seigneurien, das heißt im Prinzip
ebenfalls unmittelbar vom Reich abhängige Herrschaften. In einer heiteren und
reichen (wenigstens für Herren und Bürger heiteren und reichen) Umgebung wuchs
der künftige Kaiser Karl V. auf, in einer Atmosphäre von Turnieren und
höfischen Festlichkeiten, in dieser üppigen, prunkvollen und etwas erstickenden
Atmosphäre, die der holländische Historiker Johan Huizinga später in seinem
„Herbst des Mittelalters“ so meisterhaft beschrieben hat. Und dies war für Karl
nicht nur einfach Umgang und Lebensform, sondern zugleich auch Weltanschauung
und Verpflichtung. Verpflichtung der Kirche, dem Ritterideal, der in
Wirklichkeit schon von allen Seiten untergrabenen, an der Oberfläche aber noch
herrschenden mittelalterlichen Welt gegenüber. Er mochte das Europa seiner Zeit
mit den Augen eines abenteuerlustigen, jungen Rittes sehen. Aber mit den Augen
eines Ritters, der wusste, dass er zu Großem berufen war und dass er einst an
der Spitze dieser ganzen kirchlichen und ritterlichen Welt zu stehen haben
werde. Seine Ratgeber und Erzieher beeinflussten ihn in diesem Sinne auch in
Spanien noch einige Jahre lang, besonders die zwei bedeutendsten von ihnen, der
Ritter von Chievres, der bis zu seinem Tode Karls erster Ratgeber bleiben
sollte, und Adrian Florisz, der Erzbischof von Utrecht, der düster – ernste
Priester, der wenige Jahre später Papst Hadrian VI. sein wird. 

 Karl mochte davon
überzeugt sein, dass ihm die Kaiserwürde gebührte, doch die deutschen Kurfürsten
teilten diese Überzeugung nicht so ohne weiteres. Da musste ein wenig
nachgeholfen werden, durch Verhandlungen und Argumente, vor allem aber durch
Geld. Gerade jetzt ließ sich da noch etwas herausholen, denn außer Karl traten
noch zwei andere angesehene Bewerber auf, die sich selbst empfahlen, der König
von Frankreich, Franz l., und der König von England, Heinrich VIII. Beide waren
etwas älter und hinter ihnen standen gefestigte Länder. Vielleicht war das aber
auch ein Nachteil. Karl kostete die Wahl auf alle Fälle 850000 Dukaten; mehr
als eine halbe Million hatten die Fugger geliehen, in der Hoffnung, dass die
Rückzahlung dereinst durch das überseeische spanische Gold und Silber gesichert
würde.

 Macht, Geld und
das Wissen, wie man damit umzugehen hat, waren auch für Karl V. die
Voraussetzungen, um den Verpflichtungen nachkommen zu können, den Reichtum und
die Heiterkeit, die Üppigkeit und das Prunkvolle seiner kirchlich und
ritterlich geprägten Lebensumstände zu erhalten. Sobald die Wahl gesichert war,
reiste der junge Kaiser zum Reichstag nach Worms. Und hier begegnete er zum
ersten mal dem Problem, das ihn ein Leben lang beschäftigen sollte und das er
letztlich nicht meistern konnte. Jener Mönch, der vor nunmehr vier Jahren seine
fünfundneunzig Thesen verkündet hatte und der jetzt in eigener Person vor ihm
und dem Reichstag stand, Martin Luther, hatte inzwischen in deutschen Landen,
ja weit darüber hinaus, einen großen Aufruhr erregt. Schon die Zeitgenossen
nannten die Bewegung Reformation. Sie sprachen von Reformation, ehe noch die
ganze Bewegung begonnen hatte. Denn die innere Organisation der römischen
Kirche war schon seit fast zwei Jahrhunderten verfallen, seitdem nämlich die
Päpste im Jahr 1309 nach Avignon gingen, dann von dort zurück nach Rom; da aber
an beiden Orten ein Papst gewählt worden war, besaß die Kirche zwei Häupter, ja
zeitweise sogar drei zugleich, was die Herrscher auch ausnützten, um die Päpste
gegeneinander auszuspielen.

 Weltliche Sorgen,
Vermögen und Würde waren den Päpsten und dem hohen Klerus weit wichtiger als
das Heil der Seelen. Der niedere Klerus und die Mönche blieben auch nicht
hinter ihren Oberen zurück. Es bedurfte einer Reform der ganzen Kirche, wie sie
schon seit Jahrzehnten von vielen gefordert wurde. Besonders im deutschen
Sprachraum war man mit den nach Rom fließenden Steuern und der Bevormundung der
Seelen durch Rom unzufrieden. Der Handel mit den Ablasszetteln war nur der
Anlass für Luther, im Allgemeinen gegen Rom und die Oberhoheit des Papstes, für
eine deutschsprachige Kirche und bald auch gegen zahlreiche bisherige Glaubensthesen
aufzutreten. In dieser Hinsicht bestand das Wesen seiner Lehre darin, dass der
Christ allein durch seinen Glauben selig wird und das ewige Glück des Jenseits
erlangt, und dass ihm Gott diesen Glauben gibt. Es bedürfe daher nicht der
Priester als Vermittler des Heils, nicht der ganzen kostspieligen kirchlichen
Organisation und der prunkvollen Zeremonien. Die Lehre der Kirche geht aber nur
auf eine Quelle zurück, auf die Bibel, alles andere ist menschliches, also
hinfälliges Beiwerk. Statt einer kostspieligen Kirche trat er also für eine
arme Kirche ein.

 Was sich jetzt
unter dem Begriff der Reformation entfaltete, war seinem gesellschaftlichen
Charakter nach eine frühe, bürgerliche Revolution, der sich in den im Mittelalter
erstarkten deutschen Ländern die Fürsten ebenso anschlossen wie die
Reichsritter. Während die Fürsten nach vollständiger Unabhängigkeit von der
Kaisermacht strebten, wollten die Reichsritter ihre Unabhängigkeit gegen die Fürsten
verteidigen. Diesen Bestrebungen folgten auch andere Schichten auf niedrigeren
Stufen der gesellschaftlichen Rangleiter, Arme, Ausgestoßene, städtische
Plebejer und hörige Bauern. Es setzte ein allgemeiner Angriff gegen die in der
Kirche verkörperte feudale Ordnung ein. Die Repräsentanten der Reformation
waren sich dessen kaum bewusst, dass sie eigentlich an einer bürgerlichen
Revolution teilnahmen. Selbst Luther erkannte dies nicht. Karl V. verstand es
noch weniger. Er sah in Worms nur den inzwischen berühmt gewordenen Mönch, der
sich gegen den Papst und damit eigentlich auch gegen ihn, den Kaiser wandte.
Was er lehrte, stellte nicht nur die Macht des Papstes in Frage, sondern
letzten Endes auch die des Kaisers. So viel begriff selbst Karl, so wenig er
damals auch die deutsche Sprache beherrschte und so wenig er auch von Theologie
verstand.

 Den Menschen im
sechzehnten Jahrhundert ging es schlecht, das sahen und erlebten nicht nur
Luther und andere Reformer. Die Mächtigen, ob kirchlich oder weltlich, nutzten
ihre Macht zum eigenen Vorteil. Ihr wichtigstes Machtinstrument war die
unwissende Hilflosigkeit breitester Bevölkerungskreise. Jahrhundertelang war
die katholische Kirche die mächtigste Institution der Welt, die auch das
Bildungs-, Wissens- und Glaubensmonopol innehatte. Doch Anfang des sechzehnten
Jahrhunderts begann ihre Macht zu bröckeln: Die freien Bürger in den Städten
wurden selbstbewusst, die neu gegründeten Universitäten hatten regen Zulauf,
immer mehr Professoren wagten es, die Verhältnisse in Rom und die Kirche zu
kritisieren. Die humanistischen Gelehrten vertraten ein neues Ideal: den freien
Menschen. Um die Freiheit des Geistes zu erlangen, las man die antiken Autoren
im Originaltext. Auch die heilige Schrift wurde mit neuen Augen gesehen. So
sind auch Martin Luthers reformierende und, wenn man den stürmischen Verlauf
der gesellschaftlichen Ereignisse dieser Zeit in Betracht zieht, seine die
revolutionierenden Vorgänge unterstützenden und bewirkenden Ansätze zu sehen.
Die 40. bis 45. seiner zu Wittenberg verkündeten Thesen lauten:

 “40. Die wahre
Reue sucht die Strafe, aber die Ablässe bewirken, dass man sie hasst,
wenigstens gelegentlich. Wie diese großen Missstände vermieden werden können,
soll in den folgenden Thesen gezeigt werde.

 41. Den
päpstlichen Ablass muss man mit Vorsicht verkünden, damit der gemeine Mann sich
nicht falsche Begriffe mache.

 42. Die Christen
sind zu belehren, dass die Ablässe mit den Werken der Barmherzigkeit keineswegs
den Vergleich aushalten. 

 43. sowie dass derjenige,
der den Armen gibt und den Dürftigen lehrt, besser tut, als wer einen Ablassbrief
kauft; denn 44. durch jenes wird der Mensch besser, durch dieses nur strafloser.

 45. Wer daher, statt
einem Armen zu helfen, Ablass löset, zieht sich statt des Ablasses Gottes Zorn
zu.

 Wie man die
weltlichen Missstände zum Besseren verändern könnte, war Luther und auch
anderen seiner Zeit sehr unklar, doch sollte den Mächtigen wenigstens die Gewalt
über die Seele des Menschen genommen werden. Der alles umwälzende Jesus
Christus hat schließlich, wie es die Evangelien verkünden, Wege gewiesen, wie
sich jeder durch das Tragen seiner irdischen Lasten bei barmherzigem Verhalten
und bewirken Gott gefälliger Werke, einen Weg zu jenseitiger Glückseligkeit
suchen kann. Das Wissen dazu findet man in der heiligen Schrift, deshalb auch
Luthers Forderung nach einer deutschsprachigen Kirche und die ins Deutsche
übersetzte Bibel.

 Der Gläubige
sollte die in der Bibel verkündeten Weisheiten begreifen können. Nicht die
weltliche Macht des Papstes und des Kaisers, die nach damaligem Verständnis als
die Zuchtrute Gottes galten, also für Recht, Ordnung und untertänigen Fleiß zu
sorgen hatten, und nicht den Besitz, Wohlstand und immer bedeutender werdenden
Geldvorrat der Obrigkeit wollte Luther treffen, schmälern oder gar beseitigen.

 Er gab den
Deutschen mit der übersetzten Bibel ein Lesebuch, das sie eine gemeinsame
Sprache zum guten, gegenseitigen Verständnis lehrte und ihnen, sollten sie nach
Wahrhaftigkeit darin suchen, sagen kann, wie sie sich ihrer Bestimmung gerecht
verhalten sollten. Die Menschen mit Wissen auszurüsten, das ihnen
Orientierungen für ihr Handeln geben kann, ist wirklich als revolutionär zu
bezeichnen. Aber mit Wissen kann man die Hungrigen nicht sättigen. Ungehemmt und
brutal wurden massenhaft dem gemeinen Mann in den Städten und auf dem Land
selbst geringste Lebensnotwendigkeiten streitig gemacht, entzogen oder nicht
gewährt. Nichts gegen das alltägliche Elend zu versuchen wäre genauso tödlich
für die Notleidenden gewesen, wie das Leben in einem noch so aussichtslosen
Kampf zu verlieren. Bauern, städtische Plebejer, verarmte Ritter und andere
wurden zum Aufstand gegen ihre Herren getrieben. Wenn sie sich denn nicht als
die Zuchtrute Gottes, also als diejenigen aufführten, die die Menschen zu
wahrhaft Gott gefälligen Werken anzuhalten haben, “dann machen die Herren das
selber, dass ihnen der arme Mann Feind wird, denn …am Volke zweifele ich
nicht”, bekannte Thomas Müntzer, die einfachen Menschen seiner Zeit sehr genau
kennend.

 Im Gegensatz zu
Luther, der den Willen des Menschen und seine Seele, mit einem Reittier
vergleicht, das dem, der es reitet, sei dies nun Gott oder der Satan, gehorcht,
der dem Menschen jede Möglichkeit abspricht eigenwillig, den rechten Weg zum Heil
einzuschlagen, ist Müntzer schon der Meinung, dass der Mensch seine Lebensverhältnisse
verändern sollte und kann, indem er sich selbst ändert. Nach Müntzer entscheidet
der Mensch darüber, von wem er sich leiten lässt, von Gott oder dem Teufel, er
braucht jedoch Anleitung, da er nicht weiß, was zu tun ist. Weil er also sah,
dass die gesellschaftlichen Verhältnisse für den größten Teil der Bevölkerung
unerträglich waren und er glaubte, dass die aufständischen Bauern von Gott
geleitet würden, schloss er sich ihnen an und ging mit ihnen in schrecklicher
Weise zugrunde.

 Luther sah keine
Möglichkeit, dass der Mensch an seinen Gesellschaftsverhältnissen etwas ändern
kann, er dachte sicher auch kaum darüber nach, war er doch der Meinung, dass
jeder durch die Gnade Gottes seinen Platz im Leben zugewiesen bekommt. Seine
Lebensverhältnisse hatten sich seit dem Thesenanschlag, dem Wormser Reichstag
und der Bibelübersetzung auf der Wartburg als Wittenberger
Universitätsprofessor ja auch beträchtlich zum Wohlbefinden hin geändert.

 In einem fiktiven
Zeitungsartikel über den berühmten Theologen könnte geschrieben stehen:
“Wittenberg, 1534, Dr. Martin Luther schneidet die Hecke im Klostergarten,
seine Käthe hängt frisch gewaschene Windeln zum Trocknen auf, Kinder spielen
auf dem Rasen unterm Apfelbaum. Am Abend versammelt sich die Familie in der
guten Stube, der Vater lobt die Kochkunst seiner teuren Hälfte und genehmigt
sich ein Bier, an Feiertagen trinkt er auch gern mal einen guten Schoppen
Rotwein. Auf den ersten Blick ist das Leben des Reformators wenig spektakulär.
Außergewöhnlich ist nur das Ambiente – Der Kurfürst hat der Familie Luther das
ehemalige Kloster der Augustinereremiten geschenkt, ein schlossähnliches
Gebäude mit einem großen Obst- und Gemüsegarten. Hier bereitet der Theologe
seine Vorlesungen vor, diskutiert mit Studenten oder studiert die Bibel.
Zweimal in der Woche steigt er in der Stadtkirche auf die Kanzel und ermahnt
die Gläubigen zu Gehorsam: ‘Die Fürsten dieser Welt sind Götter, das gemeine
Volk ist der Satan … Es ist besser, wenn Tyrannen hundert Ungerechtigkeiten
gegen das Volk verüben, als dass das Volk eine einzige Ungerechtigkeit gegen
die Tyrannen verübt.”

 Thomas Müntzer
hat die Mächtigen angegriffen, erfolglos, denn er hatte vor allem keine
Vorstellung, wie nach einem eventuellen Sieg das Leben anders organisiert sein
müsste. Den jeweils zwingend notwendigen, revolutionären Veränderungen zu
entsprechenden, wird aber nur derjenige gerecht, der nicht nur die Macht
angreift, sondern er muss auch Vorstellungen haben und Möglichkeiten kennen,
was denn wie mit veränderten Machtkonstellationen anders und vor allem besser
gemacht werden muss.

 Jedenfalls aber
haben die Aufständischen des Großen Deutschen Bauernkrieges, hat besonders auch
Thomas Müntzer deutlich den Anspruch geltend gemacht, dass der Mensch ein Recht
auf Selbstverantwortung und Freiwilligkeit hat. Luther hat in seinem Leben in
Wittenberg den Lebensstatus des künftigen Bürgers erreicht, eines Menschentyps,
der zunächst unter den alten Gesellschaftsverhältnissen Wissen und Eigentum
erwirbt, um dann zu gegebener Zeit auf der Basis dieses Wissens und dieses
Eigentums die Macht zu ergreifen und neue, fortschrittlichere Gesellschaftsverhältnisse
zu organisieren.

 Wem ist höhere
Moralität anzurechnen, demjenigen, der es für das geringere Übel ansah, dass
tausende Menschen dahin geschlachtet wurden als dass einem Tyrannen auch nur
eine Ungerechtigkeit widerfahren wäre, oder dem, der sich den ausweglos
Revoltierenden zugesellte, um ihnen zu sagen, dass es nur gerecht ist, sein
Schicksal eigenwillig zu gestalten?

 Die Entwicklung
der menschlichen Gesellschaft, ob sie sich nun evolutionär oder revolutionär
vollzieht, ist immer dann fortschrittlich, wenn sich der konkret Einzelne im
Rahmen der gegeben Lebensverhältnisse emanzipieren kann, wenn eben diese
Verhältnisse sich in Richtung einer Gesellschaft verändern, in der die
Eigenwilligkeit des Einzelnen die Bedingung für das eigenwillige gestalteten
der Wirklichkeit aller ist.

 Wahrhaft
moralisch bewegt sich die menschliche Gesellschaft, wenn in ihr jeder Einzelne
die Freiheit hat, eigenwillig für die Befriedigung seiner Bedürfnisse sorgen zu
können, sich nützlich am Zusammenleben und der Gestaltung der Wirklichkeit zu
beteiligen und nach den ihm gemäßen Aspekten der Wahrheit suchen zu dürfen. Bei
der Einflussnahme der Menschen auf die Entwicklung des gesellschaftlichen Geschehens,
besonders in Zeiten, da sich rasche Qualitätssprünge erforderlich machen, geht
es im wesentlichen um Veränderungen in den Besitz- und Machtverhältnissen und
um die Erweiterung menschlichen Selbstbewusstseins. Moralisch zu bewerten ist
dabei immer, was, warum und wie verändert werden soll.

 Um moralischen
Verhaltensnormen zu entsprechen, ist es grundlegend, dass Handlungsentscheidungen
eigenwillig getroffen werden und dass dabei respektiert wird, dass es notwendig
ist, den in ihrer Konkretheit unendlich verschiedenen und einmaligen
Einzelwesen, sinnvolles Zusammenwirken in wohlwollendem Miteinander und
erträglichem Füreinander zu ermöglichen.

Britta Waldschmidt-Nelson stellt Martin Luther King,
Jr., und Malcolm X als GEGENSPIELER, so der Titel ihres Buches, vor. “Beide
kamen in den 1920er Jahren als Söhne schwarzer Baptistenprediger im
amerikanischen Süden auf die Welt, beide wurden früh mit Rassendiskriminierung,
Gewalt und Segregation konfrontiert“, wird einführend bemerkt, „und beide
avancierten in den 1950iger und 60iger Jahren zu den populärsten und umstrittensten
Anführern der schwarzen Befreiungsbewegung in den USA.“ Als Gegenspieler im
Kampf gegen die Diskriminierung afroamerikanischer Bürger der USA in den 1950er
und 60er Jahren werden die beiden beschrieben, weil sich die Wahl ihrer Mittel
im Kampf um Gleichberechtigung radikal unterschied: „Galt Martin Luther King
Jr. als charismatischer Vertreter des gewaltlosen Widerstands und somit als
legitimer Nachfolger Mahatma Gandhis, erschien Malcolm X vor allem der
konservativen amerikanischen Öffentlichkeit als teufelgesandter Agitator, der eine
blutige Revolution einforderte.“ Es wird aber auch darauf hingewiesen, dass
sich „in Wahrheit allerdings … ihre Ideen in vielerlei Hinsicht ergänzten,
und sich „die kollektive Energie“ beider „im Spannungsfeld ihrer
entgegengesetzten Meinungen potenzierte.“

 Das Suchen nach
Wegen zur Lösung gesellschaftlicher Probleme und der immer dabei notwendige
Kampf um Macht und Besitz, das Ringen um zielstrebig verstehen, verbrauchen und
verändern zu können sind allgegenwärtig im menschlichen Mit-, Gegen- und
Füreinander. Um dabei moralisch werten zu können, ist es notwendig zu
untersuchen, ob dieses Ringen im Begreifen, Befriedigen und Bewahren oder im
Betrügen, Bemängeln und Beenden endet.

 Über dreißig
Jahre nach dem Wirken des Mahatma in Indien hatte Martin Luther King, Jr.,
dessen großes Vorbild Ghandi gewesen ist, in Amerika einen Traum, den er mit
friedlichen Mitteln verwirklichen wollte. Am 28. August 1963 träumte er in
Washington am Lincoln Memorial mit tausenden Gleichgesinnten: 

 Zehn Jahrzehnte
seien vergangen, seit Abraham Lincoln, „in dessen symbolischen Schatten“
Amerika heute stehe, die Emanzipationsproklamation unterzeichnete. Dieser Erlaß
sei „ein großes Licht der Hoffnung für Millionen von Negersklaven, die in den
Flammen der ausdörrenden Ungerechtigkeit schmachteten.“ Aber noch immer sei der
Neger nicht frei; „hundert Jahre später ist das Leben des Negers immer noch
behindert von den Fesseln der Segregation und den Ketten der Diskriminierung.“
Da die Erbauer der Vereinigten Staaten von Amerika „die großartigen Worte der
Verfassung und der Unabhängigkeitserklärung niederschrieben, unterzeichneten
sie einen Schuldschein, den jeder Amerikaner erbte“ stellte Martin Luther King
fest und dieser besage, „daß allen Menschen – Schwarze und Weiße – die unverbrüchlichen
Rechte auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück zustünden.“ Darum könne
niemand zufrieden sein, „solange der Neger das Opfer unsäglich grausamer
Polizeibrutalität ist“, … solange Kinder schwarzer Eltern „ihres Selbstwertgefühls
und ihrer Würde beraubt werden durch Schilder“, auf denen stehe „Nur für
Weiße“, und so King weiter, „wir können nicht zufrieden sein, solange der Neger
in Mississippi nicht wählen kann und der Neger in New York glaubt, für ihn gäbe
es nichts zu wählen.“ Am Ende seiner berühmten Rede träumte der
Friedensnobelpreisträger von einer glücklichen Zukunft für alle Amerikaner:
„Ich habe einen Traum, daß eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die
Söhne einstiger Sklaven und die Söhne einstiger Sklavenhalter zusammensitzen
werden am Tisch der Brüderlichkeit“, und er träume davon, „daß meine vier
kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, wo man sie nicht nach
ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.”

 Manches von dem
wurde erstritten im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. So geraten weltweit
„Millionen von Besuchern … bei Konzerten von Tina Turner, Puff Daddy oder
Michael Jackson regelmäßig in ekstatische Begeisterung, Millionen andere halten
Michael Jordan, Arthur Ashe oder Evander Holyfield für die größten Sportler
aller Zeiten“ und „die Dichterin Maya Angelou wurde gebeten, bei der
Amtseinführung Präsident Clintons zu sprechen. Zahlreiche amerikanische Städte
haben schwarze Bürgermeister, im Kongress sitzen afroamerikanische Abgeordnete,
und zur Clinton-Regierung und sogar der von George W. Bush gehörten mehrere
schwarze Minister.“ So kann festgestellt werden: „Black seems to be beautiful“,
und es scheint, „den Aufstiegs- und Anerkennungsmöglichkeiten von Afroamerikanern“
sind wohl „heute kaum noch Grenzen gesetzt“ Seit Januar 2009 amtiert der Erste
Präsident der USA mit schwarzer Hautfarbe, Barak Obama.

 Doch warum kommt
es dann immer wieder zu Rassenunruhen in den USA? Warum ist der Anteil an
Schwarzen innerhalb der US-amerikanischen Unterschicht und in den Gefängnissen
so unverhältnismäßig hoch, und warum bezeichnen viele den alltäglichen
Rassismus als das nach wie vor brennendste soziale Problem in den Vereinigten
Staaten?

 Hätte der Weg des
Malcolm X möglicherweise bessere Ergebnisse gezeitigt, wäre er nicht lange vor
Martin Luther King umgebracht worden? Schließlich war er der Meinung, so etwas
wie eine gewaltlose Revolution gäbe es einfach nicht.

  „Die House Negros”, so Malcolm, “waren stolz
darauf, in unmittelbarer Nähe ihres weißen Herrn wohnen und seine Speisereste
essen zu dürfen. Sie liebten ihren Herrn und dachten nicht im Traum daran
wegzulaufen“, anders dagegen seien die „Field Negros“ zu sehen, „die von früh
bis spät auf den Feldern schuften mussten, kaum zu essen hatten und ständig geschlagen
wurden“, sie „hassten ihren Herrn und wünschten ihm Tod und Verderben. Sie
wollten nur eines: endlich frei und weit fort von den Weißen zu sein.“ Und später verkündete Malcom stolz: „Ich bin ein
Feldneger“, und er erklärte, dass die „Feldneger“ der heutigen Zeit diejenigen
Schwarzen seien, die bereit dazu waren, mit allen Mitteln gegen ihre weißen
Unterdrücker zu kämpfen. Das seien die waren Revolutionäre.

 Angesichts der
Geschichte der Afroamerikaner ist es nur zu verständlich, dass auch Malcolm X
viele Anhänger hatte und das nicht nur in den USA. Dass er aber nur die
Farbigen von Ungerechtigkeit betroffen sah und den Weißen an sich blutig bekämpfen
wollte, musste natürlich die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung in Angst
und Schrecken versetzen. Vielleicht haben sich aber besonders deshalb schneller
gedungene Mörder für X als später auch für Martin Luther King gefunden, weil er
nicht nur davon träumte, dass seine Kinder einstmals nicht nach ihrer
Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden sollten. Ihm war
offensichtlich klar, dass der Mensch bezüglich seines gerechten Anteils am
Reichtum der Gesellschaft und seiner ihm gemäßen Teilnahme am Erbringen der
Werte zu kämpfen hat. Jedenfalls erst nachdem Martin Luther King auch öffentlich
über Besitzverhältnisse und gerechte Verteilung nachdachte, ereilte ihn das
gleiche Schicksal wie Malcolm X und auch sein Vorbild Mahatma Gandhi.

 Nur fünf Tage nach der Verabschiedung des
neuen Wahlrechtsgesetzes kam es in Watts, dem schwarzen Ghetto von Los Angeles,
nach einer Auseinandersetzung zwischen weißen Polizisten und schwarzen
Jugendlichen zu den bis dahin schlimmsten Rassenunruhen der amerikanischen
Geschichte. Watts sollte zum Schlüsselerlebnis für King werden, das schließlich
eine Wende in seinem Denken herbeiführte. Die Begegnung mit der Armut und dem
Elend der Ghettobewohner machte ihm etwas klar, das Malcolm X schon Jahre
vorher erkannt hatte: Die Abschaffung diskriminierender Gesetze allein konnte
die Situation der schwarzen Unterschicht nicht wirklich ändern. Das Recht mit
Weißen zusammen im gleichen Raum essen zu können, nutzt einem nichts, wenn das
Geld fehlt, dieses Essen bezahlen zu können. Nach Watts erkannte King, dass der
Traum von schwarzer Freiheit und Gleichberechtigung niemals verwirklicht werden
konnte, solange derart krasse soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeiten in Amerika
existierten. Er beschloss, sich von nun ab intensiver um die Bekämpfung des
Teufelskreises Rassismus – Arbeitslosigkeit – Armut – Drogensucht – Verbrechen
zu kümmern, der so viele Schwarze in den Ghettos gefangen hielt.

 Auch über den besonders von amerikanischen
Jugendlichen in wachsendem Maße als ungerechtfertigt abgelehnten Vietnam-Krieg
äußerte sich King, dass dieser Krieg auch als Maßnahme zur Eindämmung des
Kommunismus sinnlos sei. Mit militärischer Macht und Nuklearwaffen könne man
den Kommunismus niemals besiegen, sondern nur mit einem offensiven Einsatz für
ein demokratisches System der sozialen Gerechtigkeit. Er forderte, dass die USA
eine radikale Revolution ihrer Werte durchführen müsste, um auf die „richtige
Seite der Weltrevolution“ zu gelangen.

 „Wenn Maschinen und Computer, Profitgier und
Eigentumsrechte für wichtiger angesehen werden als Menschen, dann kann das
dreifache Übel von Rassismus, Materialismus und Militarismus nicht überwunden
werden“, sagte Martin Luther King am 4. April 1967 anlässlich einer Rede, die
er in New York hielt. „Diese Art von positiver Revolution unserer Werte ist
unsere beste Verteidigung gegen den Kommunismus! … Irgendwie muss dieser
Wahnsinn ein Ende nehmen. Ich spreche als ein Kind Gottes und Bruder der
Notleidenden in Vietnam“, und weiter , „ich spreche für die Armen Amerikas, die
den doppelten Preis von zerschlagenen Hoffnungen zu Hause und von Tod und Korruption
in Vietnam zahlen“, und, „ich spreche als Amerikaner zu den Führern meiner
eigenen Nation. Die große Initiative zu diesem Krieg ging von uns aus. Auch die
Initiative, ihn zu beenden, muss von uns ausgehen.”

 Ein
anderer Amerikaner, der Journalist John Reed, war dabei als diejenigen
aufbrachen, selbst ihr Leben in die Hand zu nehmen, ohne Herr oder Knecht sein
zu müssen, von deren Nachkommen auch Martin Luther King meinte, dass man sich
gegen sie als die Gestalter und Verbreiter des Kommunismus zu verteidigen habe.

 Reeds Buch “Zehn
Tage, die die Welt erschütterten” ist eine Darstellung vom Kampf und Sieg der
Bolschewiki im Oktober 1917. Er war kein unbeteiligter Zuschauer und Reporter.
Überall war er dabei: Von den Kongressen des Smolny eilte er zu den Tagungen
der konterrevolutionären Stadtduma; begab sich unter Lebensgefahr in die
Schützengräben; stand neben dem Petrograder Proletariat auf den Barrikaden;
sprach mit Revolutionären und Konterrevolutionären. Er war dabei, als die
Mitglieder der Provisorischen Regierung verhaftet wurden; er folgte den
stürmenden Soldaten in den Winterpalast; er nahm am Zweiten Gesamtrussischen
Sowjetkongress teil, der die ersten Dekrete der jungen Sowjetregierung
herausgab.

 Lenin, der
„Macher” der Oktoberrevolution, schrieb 1919 ein Vorwort zu diesem Buch:
“Mit größtem Interesse und nicht erlahmender Aufmerksamkeit las ich John Reeds
Buch ZEHN TAGE; DIE DIE WELT ERSCHÜTTERTEN, und ich möchte es den Arbeitern in
aller Welt von ganzem Herzen empfehlen“, denn „es gibt eine wahrheitsgetreue
und äußerst lebendige Darstellung der Ereignisse, die für das Verständnis der
proletarischen Revolution und der Diktatur des Proletariats von größter
Bedeutung sind.“ Und Weiter schreibt Lenin: „Diese Probleme werden gegenwärtig
weit und breit diskutiert, aber bevor man diese Ideen annimmt oder verwirft,
muß man die ganze Bedeutung einer solchen Entscheidung begriffen haben.“

 Ebenfalls 1919
schrieb auch Reed selbst ein Vorwort zu seinem Buch. Darin bemerkt er: “Dieses
Buch ist ein Stück geballte Geschichte – Geschichte, wie ich sie selbst erlebt
habe. … Natürlich beschäftigt es sich zum größten Teil mit dem ‘Roten
Petrograd’, der Hauptstadt und dem Herzen des Aufstandes.“ Und Weiter schreibt
Reed: „Beim Leser werden eine ganze Reihe Fragen auftauchen. Was ist Bolschewismus?
Wie sah die von den Bolschewiki aufgestellte Regierung aus?“ Und Reed stellt
fest: „Wenn wir den Aufstieg der Bolschewiki betrachten, müssen wir verstehen,
dass das Wirtschaftsleben Russlands und die russische Armee nicht am 7.
November 1917 desorganisiert wurden, sondern schon Monate früher, als logisches
Ergebnis eines Prozesses, der schon 1915 einsetzte“, denn „die korrupten
Reaktionäre, die am Zarenhof das Regiment führten, untergruben Russland ganz
systematisch, um einen separaten Friedensvertrag mit Deutschland
herbeizuführen“ und „der Waffenmangel an der Front, der im Sommer 1915 zum
großen Rückzug führte, der Lebensmittelmangel an der Font und in den
Großstädten, der Zusammenbruch der Industrie und des Verkehrswesens 1916 – all
das waren, wie wir heute wissen, einzelne Phasen einer gewaltigen
Sabotageaktion.“ Schließlich kommt Reed zu dem Schluss: „Die Massen des Volkes
dagegen wollten eine wirkliche Revolution in Industrie und Landwirtschaft.”

 Was ereignete
sich in Sowjetrussland und später auch in anderen Ländern, daß man vor
gesellschaftlichen Veränderungen, die so enthusiastisch und hoffnungsvoll, wie
es John Reed beschreibt, begannen, anderswo in Angst und Schrecken verfiel?
Warum hat sich ein Staatsgebilde wie die Sowjetunion nach über siebzigjähriger
Geschichte, wenn auch weitgehend unblutig und friedlich, so doch radikal und
irreversibel selbst zerstört und aufgelöst?

 In seinem Buch
Umgestaltung und neues Denken für unser Land und für die ganze Welt beschreibt
Michail Gorbatschow, das letzte sowjetische Partei- und Staatsoberhaupt der
UdSSR, wie in den letzten Jahren vor dem staatlichen Zusammenbruch versucht
wurde, dem Verlauf der gesellschaftlichen Prozesse eine andere Richtung zu geben.
An den Leser gerichtet schreibt er: 

 “Mit diesem Buch
wende ich mich direkt an die Völker der UdSSR, der USA und aller anderen
Länder.“ Es enthält, so Gorbatschow weiter eher Betrachtungen und Überlegungen
zur Umgestaltung, zu den Problemen, die wir zu bewältigen haben, zum Ausmaß der
Veränderungen, zur Kompliziertheit, Verantwortung und Spezifik unserer Zeit.“
Der Autor fragt nun: „Was bedeutet Umgestaltung? Weshalb brauchen wir sie? Wie
verläuft sie, und welche Konsequenzen kann sie für die Sowjetunion und für die
internationale Gemeinschaft haben“, denn so Gorbatschow weiter: „Viele möchten
begreifen, was in der Sowjetunion wirklich geschieht, zumal in westlichen
Zeitungen und Fernsehsendungen die Flut der Anfeindungen gegen mein Land nicht
abebben will“, uns „alle bewegt die Frage: Wie soll die Gesellschaft aussehen,
in der nicht nur wir selbst, sondern auch unsere Kinder und Enkel leben
werden?”

 Was ist im
Sowjetstaat und was ist welthistorisch geschehen, dass selbst radikale und
tiefgreifende Umgestaltungsbestrebungen nichts nützen konnten, einen doch
mindestens vom Volk ursprünglich gut gemeint und hoffnungsvoll angegangenen
Versuch scheitern zu lassen und eine gerechte und zufriedenstellende
gesellschaftliche Ordnung zu errichten?

 Lenin, der
Gründer des Sowjetstaates, war ein diszipliniert arbeitender und asketisch
lebender Berufsrevolutionär, dem das politische Verschwörertum schon von früher
Jugend und besonders den Zeiten an, da er sich in Haft oder politischer
Emigration aufhielt, zur zweiten Natur wurde. Die zu seinen Lebzeiten aktuelle
welthistorische Situation analysierend, befasste er sich mit marxistischem
Gedankengut und interpretierte dieses entsprechend der Gegebenheiten seiner
Zeit. “Ein Marxist ist nur, wer die Anerkennung des Klassenkampfes auf die
Anerkennung der Diktatur des Proletariats erstreckt, stellte er in Bezug auf
die Errichtung eines Staates, der den Aufbau einer sozialistischen
Gesellschaftsordnung ermöglichen soll, fest.

 In zahlreichen
Schriften wie “Was tun”, “Der Imperialismus als höchstes Stadium des
Kapitalismus” und “Staat und Revolution” entwickelte Lenin seine
Revolutionstheorie. Sowohl sein Lebensstil als auch sein Suchen nach Strategien
für den Aufbau einer Gesellschaft, wie sie besonders von Karl Marx und Friedrich
Engels gesehen wurde, waren für Lenin vor 1917 die Vorbereitung für künftige
Aufgaben. Im Streit in der sozialdemokratischen Partei Russlands überspielte er
zielorientiert und rücksichtslos seine Gegner. Auf dem 2. Parteitag in London
1903 gewann er zufällig die Mehrheit für seine Parteilinie, die das
sozialdemokratische Konzept einer breiten Massenpartei verwarf.

 Nach Lenin sollte
die Partei aus straff disziplinierten Kadern bestehen. Die Partei spaltete sich
in die von ihm geführten Bolschewiki „Mehrheitler” und die gemäßigten
Menschewiki „Minderheitler”. Angesichts der Rückständigkeit Russlands, des
allgegenwärtigen Polizeiapparates und der Schwäche der organisierten
Industriearbeiterschaft forderte er eine Organisation von geschulten Berufsrevolutionären,
die als Vorhut des Proletariats den Umsturz herbeiführen sollten. Diese
Revolution werde dann die Epoche der Weltrevolution einleiten. Lenins
Machtwille hat sich so ein Organ geschaffen, mit dem er 1917 erfolgreich sein
konnte. Sein Kampfgefährte Trotzkij meinte aber bereits 1904 dazu, Lenin
ersetze das Proletariat durch die Partei und die Partei durch einen
handverlesenen Kreis ihm ergebener Funktionäre.

 Der Sturz der
Provisorischen Regierung am 7. und 8. November (nach dem russischen Kalender
dem 25./26. Oktober) war im Wesentlichen das Werk Trotzkijs. Lenin formulierte
die Dekrete über den Frieden und die Umverteilung des Bodens, um so die Masse
der Bauern und der Soldaten für die Revolution, die Bolschewiki und die Sowjets
(Räte) zu gewinnen. Später, nach den revolutionären Aktionen und dem sich
anschließenden Bürgerkrieg kam es wohl oder übel zur Bürokratisierung des
Parteiapparates. Erst auf dem Sterbebett schmiedete Lenin mit Trotzkij Pläne
zur Entmachtung Stalins, der sich als Generalsekretär an der Spitze der sich
herausbildenden Bürokratie die Basis für seine künftige Diktatur schuf. Die
Weltrevolution trat nicht ein. Selbst Deutschland, das den Weltkrieg verloren
hatte, ging nicht den Weg in eine Räterepublik. Es zeigte sich, dass man mit
einer straff organisierten Truppe in einem desorganisierten Staat die
politische Macht erobern konnte. Doch die Bolschewiki blieben mit dieser Macht
und der Verantwortung einem ausgebeuteten, darbenden Volk gegenüber
allein. 

 Was sollte man
tun, die Ideen des sozialistisch – kommunistischen Aufbaus begannen die Herzen
und Hirne der Menschen zu ergreifen. Mit solchen Vorstellungen aber auch mit
rigorosem, ideologischem Druck bis hin zu physischem Zwang wurde der
Bürgerkrieg siegreich überstanden. Aber war in einem so darniederliegenden Land
überhaupt an eine künftige Zeit des Wohlstands und des Glücks für alle zu
denken? Die zur Lösung anstehenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme waren
riesig. Waren die Menschen in Russland überhaupt in der Lage, ein so
gigantisches Aufbauwerk zwar, wie man es ihnen ideologisch geschult erklärte,
für sich, aber mit völlig unbekannten, nie gehandhabten Mitteln und Methoden
der Planung, Anleitung und Organisation erstmalig und allein im Weltmaßstab in
Angriff zu nehmen. Lenin glaubte es. Er schrieb zum Beispiel:

 “Die einzige
materielle Grundlage des Sozialismus kann nur eine maschinelle Großindustrie
sein, die imstande ist, auch die Landwirtschaft zu reorganisieren“, denn „eine
Großindustrie, die dem Stand der modernen Technik entspricht und imstande ist,
die Landwirtschaft zu reorganisieren, bedeutet Elektrifizierung für das ganze
Land.“ Zu den Elektrifizierungsarbeiten „erster Ordnung“ stellt Lenin fest,
dass sie „auf zehn Jahre berechnet“ seien; „sie werden ungefähr 370 Millionen Arbeitstage
erfordern. Während wir 1918 nur 8 neu errichtete Kraftwerke besaßen (mit 4757
kW), haben wir 1919 diese Zahl auf 36 erhöht (mit 1648 kW) und 1920 auf 100
(mit 8699 kW).“ Nach Lenins Meinung ist „der russische Bauer nach dem imperialistischen
Krieg, nachdem eine Million von Kriegsgefangenen in Deutschland die moderne
fortgeschrittene Technik kennengelernt hat, und nach der schweren aber
stählenden Erfahrung des dreijährigen Bürgerkrieges nicht mehr derselbe, der er
in alter Zeit war“, somit „sieht er jedem Monat immer klarer und deutlicher,
daß einzig und allein die Führung durch das Proletariat imstande ist, die Masse
der kleinen Landwirte aus der Knechtschaft des Kapitals zu befreien und zum
Sozialismus zu führen.”

 Mit Sicherheit
war es das Vertrauen auf das urwüchsig kreative Potential der russischen
Bevölkerung und anderer Völkerschaften aber ebenso sicher auch eine aus
revolutionärem Kampfgeist und dem Willen das progressive Voranschreiten dieser
Menschen mit Macht voranzutreiben, die sowohl zu richtigen Erkenntnissen und
klugen Entscheidungen aber auch zu Zweckoptimismus und Despotismus führten.

 In Rückbesinnung
auf Lenin stellt Michail Gorbatschow beim Versuch der Umgestaltung und kurz vor
dem Zerfall der Sowjetunion fest: “Von unserer Großen Oktoberrevolution war ein
zu starker lebensspendender Impuls ausgegangen, als daß Partei und Volk die
Erscheinungen hätten hinnehmen können, die eine Veruntreuung ihrer
Errungenschaften darstellten und sie bedrohten.“ Auf der Festveranstaltung zum
113. Geburtstag Lenins, am 22. April 1983, führte Michail Gorbatschow aus:
„Heute begreifen wir Sinn und Zweck der letzten Arbeiten Lenins deutlicher,
verstehen wir besser, weshalb er sie, die ja im Grunde sein politisches
Vermächtnis sind, geschrieben hat“, denn „schwerkrank, von Sorge um das
Schicksal des Sozialismus erfüllt, erkannte er die Gefahren, die auf die neue
Gesellschaftsordnung zukamen.“ Die Menschen in der Sowjetunion, so Gorbatschow
in seinem Buch UMGESTALTUNG UND NEUES DENKEN FÜR UNSER LAND UND FÜR DIE GANZE
WELT weiter, „müssen diese Besorgnis begreifen. Lenin sah, dass der Sozialismus
auf ungeheure Probleme stieß, dass er sehr viele Dinge zu bewältigen hatte“ und
„deshalb griff man zu Formen, die zumindest nicht ganz den landläufigen
Ansichten vom Aufbau des Sozialismus entsprachen.”

 Schon im Wirken
Lenins lässt sich sehr deutlich erkennen: Nicht nur im schwierigen Beginnen,
sondern auch schon früher in grundlegenden theoretischen Ansätzen sind die
Ursachen für das letztliche Scheitern eines so großartigen Wollens und Aufbegehrens
zu suchen. Aber der schwierige Beginn war nicht die letzte Belastung, die die
vom Willen zum Besseren motivierten Menschen zu ertragen hatten.

 Als Stalin im
März 1953 starb vermuteten viele, wie es auch Solschenizyn bemerkte, daß ihm
„der Herrgott das Lebenslicht durch Menschenhände ausblasen ließ“. Die
Sowjetvölker hatten zu dieser Zeit sieben schwere Nachkriegsjahre der Nöte und
des Terrors hinter sich, wie sie sie bereits in den Vorkriegsjahren erduldet
hatten. Dazwischen lag die Periode des zweiten Weltkrieges mit seinen
fünfundfünfzig Millionen Opfern. Mit unglaublicher Brutalität machten sich die
bolschewistischen Anpeitscher unter Stalins Führung daran, den „Übergang zum
Kommunismus“ durchzuführen. So entstanden beispielsweise sogenannte
„Besserungslager“, die sich dank der „zweiten Völkerwanderung“(Solschenizyn) in
Richtung auf den GULAG-Archipel unaufhörlich füllten – ein Millionenstrom von
Zivilpersonen und Völkerschaften.

 Nach der
Überwindung der Stalinära waren schließlich noch der kalte Krieg, nukleares
Wettrüsten und das wirtschaftliche Ringen um Produktivität und
wissenschaftlich-technischen Fortschritt durchzustehen. Chruschtschows
Wirtschaftsreformen beispielsweise sollten das Land weiter modernisieren und
die Industrie leistungsstärker machen, um höhere Wachstumsraten, auch in der
Konsumgüterproduktion zu erreichen. Der sowjetische Parteiführer also, der
Stalins Wirken wenigstens in beschränktem Maße aufdeckte und anprangerte,
wollte mit seinen Reformen schnell wirksame Lösungen finden. Vorzeigbare Resultate
mussten her. Für einen langsamen, dafür soliden und dauerhaften Fortschritt war
seines Erachtens keine Zeit. Das hastige Tempo, in der amerikanischen Literatur
spricht man von einem für zurückgebliebene Länder typischen „haste syndrom“,
führte häufig zu unproduktiver Eile und überstürzten Entscheidungen. Die
Möglichkeit, Neues erst einmal in einem begrenzten Rahmen auszuprobieren, um es
dann im großen Maßstab anzuwenden, wurden kaum genutzt. Im Prinzip vernünftige
Überlegungen bewirkten so am Ende nichts Positives, sondern schadeten statt zu
nutzen. So scheiterte kreatives Potential bevor es überhaupt seine Wirkung
entfalten konnte.

 Warum scheiterte
der russisch-sowjetische Aufbruch in eine wahrhaft humanistische Gesellschaft,
ja erschien er sowohl sehr vielen Menschen im eigenen Land als auch anderswo
als schrecklich und in die gegenteilige Richtung verlaufend?

 Wenn man Menschen
sagt, dass sie doch nur die Produktionsmittel ihren Ausbeutern aus den Händen
nehmen und sie zum eigenen Nutzen und Gewinn gebrauchen müssen, um letztlich
alle ihre geistigen und materiellen Bedürfnisse befriedigen zu können, so kann
das doch nur funktionieren, wenn die geeigneten Mittel und Kapazitäten auch
vorhanden sind und, wenn ja, die Menschen damit umgehen können.

 Wenn man Menschen
wie den Bauern in Russland erst Land, also ihr wichtigstes Produktionsmittel,
zueignet und es ihnen später mit brutaler Gewalt im Namen einer Diktatur des
Proletariats, die nicht einmal von der proletarischen Minderheit im Land
sondern von einer eifernden Politkaste ausgeübt wird, zur Zwangskollektivierung
wieder entreißt, wird man sie kaum zur initiativreich kreativen Strebsamkeit
motivieren können. Wenn man von der ausschließlichen Richtigkeit des
dialektischen und historischen Materialismus ausgehend den, so gesehen, lediglich
zufallsnotwendig entstandenen, bisher aber zutiefst in religiösen Vorstellungen
denkenden und in eben diesen fühlenden Menschen letztendlich jede sinngebende,
moralische Instanz nimmt, sind sie sehr leicht von Diktatoren wie Stalin, im Personenkult
als Ersatzgott erscheinend, zu Teuflischem zu verführen und erbarmungslosem
Missbrauch ausgesetzt. Die Menschen müssen begreifen, wozu sie fähig sind und
sie müssen selbstbewusst und frei im Wollen für ihre Bedürfnisbefriedigung
sorgen können, wenn sie nach Glück und eigener Erfüllung strebend sich selbst
und ihre Wirklichkeit in gesellschaftlichem Miteinander erheben und
bewahren
sollen.

2 Die Marktwirtschaft kennt keine Ethik

  • “Die
    Marktwirtschaft kennt keine Ethik”, 
    sagte Mitte der
    90iger Jahre der deutsche Politiker Otto Graf Lambsdorff in einem Interview, in
    dem es um die Rolle der Wirtschaft zur Lösung sozialer Fragen ging. Er wollte
    damit wohl deutlich machen, daß Menschen, die in ihrem Tun gezwungenermaßen die
    Nützlichkeit ihrer Unternehmungen der Profitmaximierung unterordnen müssen, die
    also die Tugendhaftigkeit ihrer Handlungen, Zielorientierungen und Leistungserbringung
    höchstens nebenbei bedenken können. Muß und darf es in der grundlegenden, der
    wirtschaftlichen Sphäre menschlichen Tätigseins unethisch zugehen?

     Voltaire schrieb 1764
    in seinem PILOSOPHISCHEN TASCHENWÖRTERBUCH zu der Frage, was Tugend sei:
    “Wohltat gegen den Nächsten? Kann ich etwas anderes Tugend nennen, als was mir
    wohltut? Ich bin arm, du schenkst; ich werde betrogen, du sagst mir die
    Wahrheit; man läßt mich allein, du spendest mir Trost; ich bin unwissend, du
    bildest mich: ich nenne dich ohne weiteres tugendhaft“ und er schreibt weiter,
    „der Kluge tut sich selber Gutes, der Tugendhafte tut es an den Menschen. Der
    heilige Paulus sagt zurecht, daß die Barmherzigkeit mehr bedeutet als Glaube
    und Hoffnung.“ Das in ethischem Sinn Gute, das nach Voltaire Tugendhafte
    geschieht also im zwischenmenschlichen Füreinander. Was ich mir selbst Gutes
    schaffe oder Schlimmes antue ist nach dem großen französischen Aufklärer weder
    Tugendhaft noch eine Sünde. Am Schluß seiner Betrachtungen zur Tugend kommt
    dann Voltaire zu der Aussage: „Ein paar Theologen sagen, der göttliche Kaiser
    Antonin sei nicht tugendhaft gewesen, sondern ein starrköpfiger Stoiker, der
    nicht zufrieden war, den Menschen zu befehlen, sondern ihre Achtung dazu wollte.“
    Und „alles, was er der Menschheit Gutes“ getan habe, habe er „auf sich selber
    bezogen“, nur aus Eitelkeit sei er „sein Leben lang gerecht, arbeitsam und
    wohltätig gewesen“, und er habe „solchermaßen die Menschen nur getäuscht. Da
    rufe ich: Mein Gott, gib uns oft solche Spitzbuben!“

     Ist es eine objektiv
    und unveränderbar gegebene Notwendigkeit, daß Unternehmer scheitern müssen,
    wenn sie im Sinne Voltaires tugendhaft das Nützliche für die Gesellschaft und
    damit gleichzeitig für sich selbst bewirken wollen? Kann sich der Mensch nur
    profitorientiert und vom Überlegenheitswillen motiviert wirtschaftlich bewegen?

     Wirklich sein kann
    ein Mensch nur, wenn er die Vielzahl der von ihm lebensnotwendigerweise zu
    erbringenden Leistungen unter Verwendung seines Bewußtseins in menschlicher
    Gemeinschaft erarbeitet, austauscht, verteilt und nutzt.

     In Ökosystemen
    geschieht Gleichwertiges durch Interaktionen zwischen Erzeugern, Verbrauchern
    und Rückgewinnern, wobei jedes zum Standort, zum Biotop, zur Biozönose oder zum
    Lebensraum, also der jeweiligen mehr oder weniger konkret definierten Sphäre
    gehörende Lebewesen in Aspekten seines individuellen Stoff-, Energie- und Informationswechsels
    sowohl den Produzenten, als auch den Konsumenten und den Reduzenten zugeordnet
    werden kann.

     In solchen Systemen
    werden Stoffe, Energie und Informationen produziert, verteilt, ausgetauscht und
    verbraucht, wodurch die momentane Existenz und die künftige Entwicklung sowohl
    der einzelnen als auch aller Beteiligten in ihrer Gesamtheit ermöglicht wird.
    Toleranzbereiche möglichen Existierens des Systems und des in ihm wirkenden
    Möglichkeitsgefüges werden durch die natürlichen Gegebenheiten insgesamt
    bestimmt. Ökosysteme passen sich spontan an die sie bestimmenden äußeren
    Bedingungen im Rahmen der sie bewirkenden und durch sie selbst mitverursachten
    Auf- und Abbauprozesse an und bewegen sich erhebend, verkomplizierend und ihre
    Existenz bewahrend, solange es eben die vorhandenen äußeren und inneren Bedingungen
    zulassen.

     Erst das zu
    Bewußtsein befähigte und zu Kreativität begabte Wesen Mensch kann die
    Spontaneität natürlicher Entwicklungslinien in der Kultur seines Willens
    aufheben und so das gemäß der Naturgesetze vorgegebene etwaige Beenden
    konkreter Raum-Zeit-Kontinuen in vervollkommnendes Bewahren wandeln.

     Bewußtsein und
    Kreativität eines Menschen werden aufgrund seiner spezifischen Veranlagung,
    seiner Anatomie und seiner Physiologie ermöglicht, da er durch eben diese
    konkrete Eigenart in die Lage versetzt ist und in einem lebenslangen Lernprozeß
    immer mehr wird, reizbar zu sein, die Reize in Erregung zu verwandeln und in
    seinem Innern weiterzuleiten, diese intelligent zu verarbeiten und zielorientiert
    handelnd zu beantworten.

     Zunächst als nur
    biotische und später durch Mutation, Selektion und sowohl zwischenmenschlich
    als auch ökologisch notwendige Interaktionen auch psychosoziale Wesen können
    wir Menschen unser Dasein gemeinschaftlich wirtschaftend selbstständig und
    eigenverantwortlich gestalten.

     Wirtschaft ist immer
    ein Zusammenspiel von Produktion, Zirkulation, Distribution und Konsumtion.
    Dabei kommt es darauf an, daß sich jeder einzelne entsprechend seiner
    Fähigkeiten und seiner Bedürfnisse an diesen Kreisläufen beteiligen und seinen
    Nutzen daraus ziehen kann. Erarbeiten, austauschen, verteilen und nutzen sind
    Vorgänge in der wirtschaftlichen Sphäre des menschlichen Handelns, in der er
    seine Lebenskraft umsetzt, um nützliche materielle und geistige Güter zu
    erschaffen und Dienste zu leisten.

     Wirtschaft ist
    grundlegend und existenzbedingend, also unbedingt notwendig zum Leben und für
    das Überleben. Darum ist beim Wirtschaften ethisches Verhalten zwingend
    notwendig. So betrachtete auch Adam Smith die menschliche Arbeit und
    Arbeitsteilung, sobald sie sich zum funktionstüchtigen Marktmechanismus, in dem
    der Marktpreis Angebot und Nachfrage ausgleicht, entwickelt habe, als Quellen
    des Wohlstands. Im freien Wettbewerb stelle sich durch das eigennützige Handeln
    der Menschen als Ordnungsprinzip der wirtschaftlichen Entwicklung das
    Gleichgewicht zwischen Erzeugung, Verbrauch, Lohn und Preis und damit ein
    Zustand der natürlichen Harmonie des wirtschaftlichen und sozialen Lebens ein.
    Warum aber funktioniert sie, die „schöne Maschine“ des Adam Smith,
    offensichtlich nicht, warum kommt am Ende des 20. Jahrhunderts ein
    politisierender Graf zu der Feststellung, daß Marktwirtschaft keine Ethik kenne? 

     Schon das heutige
    Wissen und Können der Menschen würde es ermöglichen, oder es weißt zumindest
    auf die baldige Befähigung dazu hin, Energiequellen zu erschließen, die jeden
    entsprechend seines Bedarfs ausreichend mit Energie versorgen können. Lebens-
    und Genußmittel, Stoffe, Materialien und Wirkstoffe können mit in der Natur so
    nicht vorkommenden Qualitäten und in für alle Menschen ausreichender Menge
    erzeugt werden. Jedem Menschen kann es ermöglicht werden, seine Talente und
    Begabungen zu erkennen, sich dementsprechend zu bilden und seine daraus
    erwachsende Befähigung in seinem Tätigsein anzuwenden.

     Jedoch solange der
    notwendigerweise für den zwischenmenschlichen Verkehr zu erwirtschaftende
    Gewinn aus der in die lebens- und überlebensnotwendigen Stoff-, Energie- und
    Informationsläufe investierten Arbeit nur in sich, auch durch Spekulation und
    Wucher völlig unproduktiv selbst vermehrenden Geldwert gesehen wird und nicht
    im für die Menschen erreichbaren Nutzen, solange die Profitgier die dominierende
    Triebkraft zur täglichen Arbeit ist, können die Produktivkräfte dies nicht bewirken.

     Beispielsweise
    Besitzer von Wertpapieren der Ölindustrie, die durch diesen Besitz
    gigantischen, geldwerten Gewinn beim Verkauf von Erdöl erzielen, sind nicht an
    der Erschließung alternativer oder gar der Sonne ähnlicher Energiequellen interessiert,
    sie führen lieber Kriege, um ihren Besitz zu vergrößern, ja sie sind unter den
    kapitalistischen Produktionsverhältnissen gezwungen, dem Weltgeschehen diese
    Richtung zu geben. Ähnliches gilt auch für die Besitzer von Wertpapier der
    stoffumwandelnden und materialverarbeitenden Industrie, langlebige Produkte und
    kausal befriedigende Problemlösungen sind nicht profitabel.

     Durch die aus
    wucherverzinster Vorfinanzierung erwachsende Notwendigkeit der Akkumulation des
    Kapitals und durch das sich gegenseitige Niederkonkurrieren von mit Zins- und
    Tilgung belasteten Betriebswirtschaften kommt es zu Über- und Nonsensproduktionen,
    Ressourcenverschwendung, Umweltkatastrophen, kriegerischen
    Auseinandersetzungen, sozialen Ungerechtigkeiten, Arbeitslosigkeit und
    Ausbeutung derjenigen, denen ein Arbeitsplatz zugewiesen wurde, zu
    schrecklichen Gewaltanwendungen und unerhörten Grausamkeiten bei der
    politischen Machtausübung, zur Absicherung der bestehenden, überholten und
    immer unproduktiver werdenden Gesellschaftsverhältnisse.

     Der Staat wird mehr
    und mehr zum nur noch unterdrückenden Machtinstrument, Politik und Massenmedien
    haben hauptsächlich die Funktion, die katastrophalen, anarchischen
    Gesellschaftsverhältnisse dümmlich verlogen als einzig richtig und notwendig
    darzustellen.

     Die Menschen auf der
    vermeintlich besseren Seite der Barrikaden und ausgrenzenden Mauern, besonders
    denen in den Köpfen, werden mit Geld zum Ausgeben in Konsumtempeln zum Heucheln
    verführt, andere mit der Gewalt des Mangels zum Jobben genötigt, viele und
    immer mehr werden total ins Abseits gestellt und, wenn überhaupt, notdürftig
    ausgehalten. Die Entfaltung der Produktivkräfte zum Nutzen der Menschen ist so
    nicht möglich, Veränderungen sind zwingend notwendig.

     Betriebswirtschaften
    müssen die Nützlichkeit ihres Unternehmens auf Grundlage fast nur von
    Kreditinstituten oder Börsenkursen vorfinanziert möglichen Tätigseins und
    anschließender Verpflichtung zur Kredit- und Zinstilgung beziehungsweise der
    Auszahlung von Dividenden dem Streben nach Profit unterordnen und werden im
    gnadenlosen Konkurrenzkampf verschlissen.

     Volkswirtschaften
    lösen sich im Rahmen der auf Druck der internationalen Finanzmärkte sich
    durchsetzenden Globalisierung auf, wodurch zunehmend Überschuß- und
    Nonsensproduktion von immer wenigeren an der Produktion Beteiligten, unproportionaler
    Austausch, ungerechte Verteilung sowie teils verschwenderischer und weitaus
    größeren teils unzureichend ermöglichter Konsum das Leben aller Menschen
    bestimmen.

     Staatsapparate,
    eigentlich verantwortlich, möglichst hoher Nützlichkeit verpflichtete,
    volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Aktivitäten zu stimulieren,
    sind kaum noch in der Lage zu agieren und reagieren immer hilfloser, da dem gesellschaftlichen
    Getriebe immer mehr das bißchen “sozialen Öls”, wie Bismarck es nannte,
    ausgeht, da das Ökosystem Erde immer mehr zum Kollaps hin gefährdet wird, da
    der ausgebeutete, unterdrückte, diskriminierte, verhungernde, geplagte,
    verelendende, dahinvegetierende Großteil der heute lebenden Menschen immer
    offener mit psychischer und physischer Gewalt ruhig gestellt werden muß.

     Helmut Schmidt,
    ehemals Bundeskanzler der BRD, schreibt dazu in seinem Buch DIE
    SELBSTBEHAUPTUNG EUROPAS PERSPEKTIVEN FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT: “Neben der
    technologischen und ökonomischen Globalisierung steht die schon seit etwa drei
    Jahrzehnten sich abzeichnende Globalisierung der Finanzen“, und in den
    ökonomisch wichtigsten Staaten der Welt führte die „in schnellen Schritten
    erfolgte Freigabe des grenzüberschreitenden Verkehrs mit privatem Kapital und
    privatem Geld bald zu einer stetigen Steigerung der internationalen
    Geldmobilität.“

     Später stellt Helmut
    Schmidt fest: „Heute erlauben Computer und Telekommunikation einer Bank in
    Tokio oder Amsterdam, innerhalb von Minuten auf eine Information aus New York
    oder auf ein Ereignis in Hongkong zu reagieren: mit Ankauf und Verkauf
    bestimmter Währungen, Wertpapieren und Derivaten“, und „formal gibt es noch
    eine größere Zahl nationaler Wertpapierbörsen, tatsächlich aber gibt es nur
    noch einen einzigen weltweiten Aktienmarkt; das gleiche gilt für Derivate, für
    Währungen und so weiter.“

     Finanzmärkte, Manager
    und Händler seien „weitgehend von der Güter produzierenden und Güter handelnden
    Wirtschaft abgekoppelt. Letztere wird in Amerika, im Gegensatz zu den Finanzmärkten,
    bezeichnenderweise the real economy genannt, die tatsächliche Volkswirtschaft“,
    doch „die globalen Finanzmärkte seien „ebenso eine Wirklichkeit“, und können
    nach des Altbundeskanzlers Feststellung „ganze Volkswirtschaften zum Einsturz
    bringen.“

     Ganz deutlich sagt
    Schmidt dann: „Auch in demokratisch verfaßten, marktwirtschaftlich
    organisierten Staaten haben die Regierenden einen Teil ihrer früheren Macht an
    private Hände abgegeben.“ Natürlich konnte Helmut Schmidt im Jahr 2000, als
    sein Buch veröffentlicht wurde, von der 2008 beginnenden weltweiten
    Wirtschafts- und Finanzkrise noch nichts wissen, aber er konnte bezüglich
    mehrerer Krisen der 1990iger Jahre in asiatischen, lateinamerikanischen und
    europäischen Regionen feststellen, daß bei solchen „Unglücksfällen auch
    Versäumnisse und Schwächen der jeweiligen Regierungen eine Rolle gespielt“ haben,
    und daß „jetzt alle vor der Frage stehen, „ob und wie sie ihre
    Volkswirtschaften zukünftig gegen vergleichbare Katastrophen schützen können.”

     Trotz klarer
    Erkenntnisse und Feststellungen kompetenter Frauen und Männer über zu lösende
    Probleme, ist die Bereitschaft der Menschen, notwendige Veränderungen
    herbeizuführen immer dann zu gering, wenn diejenigen, die von den bisherigen Verhältnissen
    profitieren  noch geeignete Machtmittel
    besitzen, um weiterhin ihre Interessen durchzusetzen und diejenigen, die unter
    den bisherigen Verhältnissen leiden, noch nicht fähig und willens sind Neues
    und Besseres zu tun.

     Kapitalismus ist die
    Formation gesellschaftlicher Entwicklung, in der mittels der Ausbeutung des
    Menschen durch den Menschen die Produktivkräfte in enormer Geschwindigkeit und
    hoher Effektivität beträchtlich gesteigert werden. Die durch wissenschaftlich –
    technische Revolution und Akkumulation des Kapitals getriebene Wirtschaftskraft
    ermöglicht die notwendige und ständig wachsende Erweiterung der Reproduktion
    allerdings nur so lange, bis sich die grundlegende und letztlich alles
    bestimmende Triebkraft des wirtschaftlichen Geschehens, nämlich das Streben
    nach immer höheren geldwerten Maximalprofit, so weit von den Motiven zum
    gesellschaftlichen Stoff-, Energie- und Informationswechsel entfernt, daß sich
    das Kapital nicht mehr auf- bzw. entladen, also akkumulieren kann: es wird nur noch
    produziert und ausgetauscht, was eben diesen Maximalprofit verspricht, es
    zirkulieren überwiegend Wertpapiere und Anlagen und immer weniger Waren und
    Leistungen, es haben immer weniger Menschen die Möglichkeit am
    gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß teilzunehmen, profitable
    Massenkonsumtion kann immer schlechter realisiert werden.

     Karl Marx schreibt
    dazu im Kapital: “Und unserm Kapitalisten handelt es sich um zweierlei. Erstens
    will er einen Gebrauchswert produzieren, der einen Tauschwert hat, einen zum
    Verkauf bestimmten Artikel, eine Ware. Und zweitens will er eine Ware
    produzieren, deren Wert höher ist als die Wertsumme der zu ihrer Produktion erheischten
    Waren, der Produktionsmittel und der Arbeitskraft, für die er sein gutes Geld
    auf dem Warenmarkt vorschoß. Er will nicht nur einen Gebrauchswert produzieren,
    sondern eine Ware, nicht nur Gebrauchswert, sondern Wert, und nicht nur Wert,
    sondern auch Mehrwert.”

     So getrieben erobert
    sich das Kapital die Welt, um zu bestimmen, was, wo, wie, wann und von wem
    produziert, verteilt, ausgetauscht und konsumiert wird.

     Günter Heismann
    untersucht in seinem Buch DIE ENTFESSELTE ÖKONOMIE EIN STANDORT-REPORT die
    Tatsache, daß Arbeitsplätze auswandern, 
    besonders für die deutsche Wirtschaft der neunziger Jahre und stellt
    dabei fünf Reize fremder Märkte fest:

     Zum ersten “Umgehung
    von Handelshemmnissen: Volkswagen gründete bereits in der Nachkriegszeit
    Produktionsgesellschaften in Brasilien, Mexiko und Südafrika. Später kamen
    Fabriken und Montagewerke in Argentinien, China und Taiwan hinzu“, denn „von
    Deutschland aus hätte Volkswagen die Märkte in der Dritten Welt … nie
    beliefern können.“ Der Import wird von den meisten Entwicklungs- und Schwellenländer
    nahezu unmöglich gemacht, da sie „auf die Einfuhr von PKW exorbitant hohe
    Zölle“ erheben.

    Der zweite „Reiz“ sei die „Sichtbare Präsenz: Auch in den alten
    Industrieländern zahlt es sich aus, eine lokale Fertigung zu haben. Volkswagen
    hat in Belgien, Spanien und Tschechien Marktanteile von jeweils mindestens 30
    Prozent“, denn „die Käufer wissen im allgemeinen, wo der Wagen, den sie
    erworben haben, hergestellt wurde. Bewußt oder unbewußt geben viele Autofahrer
    PKW-Modellen den Vorzug, die im Lande selbst produziert wurden.“ Mit „Schutz
    gegen Wechselkursschwankungen“ bezeichnet Heismann den dritten „Reiz“: „BMW
    produziert seinen Roadster weltweit exklusiv in den USA, in einer Fabrik, die
    eigens in Spartanburg im Bundesstaat South Carolina errichtet wurde“, denn „als
    mit dem Bau begonnen wurde, herrschten auf den globalen Devisenmärkten wieder
    einmal heftige Gewitter. Der Dollar war 1995 zeitweise weniger als 1,40 Mark
    wert“, und „bei diesem Kurs hätte BMW mit dem Export des Roadsters aus
    Deutschland in die USA, dem weitaus bedeutendsten Markt für diese Sportwagen,
    wohl niemals Geld verdienen können.“

    Der vierte „Reiz“ ist das „Aufspüren von Markttrends: Der
    Medienkonzern Bertelsmann lenkt einen seiner wichtigsten Unternehmensbereiche,
    das Geschäft mit Musik und Tonträgern, von New York aus. In der amerikanischen
    Metropole werden in der Pop – Kultur die Trends gesetzt“, da „New York …
    junge Talente aus allen Ländern und Kulturen“ anzieht und „am Sitz des
    Unternehmens, im westfälischen Gütersloh, lassen sich neue Talente und Trends
    schwerlich aufspüren. Bertelsmann muß dorthin, wo die Musik spielt.“ Und
    schließlich war die „Vorbereitung auf die Europäische Währungsunion“ 1999 für
    Günter Hausmann der fünfte „Reiz“ für die Wirtschaft, auszuwandern: „In nur
    drei Jahren, von 1995 bis 1997, hat die deutsche Wirtschaft laut der Bundesbank
    159 Milliarden Mark Direktinvestitionen ins Ausland gelenkt.“ Diese Kapitalflut
    läßt sich nach Heismann „zu einem gut Teil mit der Europäischen Wirtschafts-
    und Währungsunion erklären“, da „vor diesem Termin … die Unternehmen rasch
    noch ihre Marktpositionen im zusammenwachsenden Europa sichern wollten, indem
    sie Konkurrenten in anderen europäischen Ländern übernahmen.”

     Weltwirtschafts- und
    Finanzkrisen sind also systemimmanent und deutliche Indikatoren für den
    kontinuierlichen Verfall des kapitalistischen Wirtschaftssystems.

     Das ethische
    Grundproblem der kapitalistischen Marktwirtschaft ist, daß jede menschliche
    Regung auf eine Ware–Geld-Beziehung reduziert wird, alles ist käuflich, alles
    wird feil geboten. Das Schaffen nützlicher Gebrauchswerte ist lediglich ein Mittel
    zum Zweck der Erzeugung austauschbarer Geldwerte, mit denen sich wiederum
    Mehrwerte erzielen lassen und das sogar durch zerstören von Gebrauchswerten,
    Verhinderung deren Erzeugung oder deren unsinniger Zirkulation, wie es die Produktion
    von Waffen, die Vernichtung von Lebensmitteln, Überproduktionskrisen oder die
    Praxis von Reimporten und vielem anderen mehr darstellen.

     Nicht der Mensch mit
    seinen Bedürfnissen, Ansprüchen und vor allem seiner wahren Bestimmung,
    bewahrend zu wirken, sind Triebkraft und Zielstellung des kapitalistischen
    Wirtschaftsgeschehens sondern der mehrwertheckende Mehrwert, darum kann es in
    der Lambsdorffsche Marktwirtschaft nicht um Ethik gehen. 

     Das meint auch Oskar
    Lafontaine, wenn er in seinem Buch DAS HERZ SCHLÄGT LINKS die moderne Forderung
    der Wirtschaft nach dem flexiblen Homo oeconomicus wertet: “Schon das Wort
    ‘Arbeitsmarkt’ verleitet zu der Vermutung, daß sich Arbeitskräfte, also
    Menschen, auf einem Markt feilbieten, auf dem dann irgendwelche Kaufwilligen,
    also Unternehmer, diese Menschen beschäftigen. Aber der Mensch ist keine Ware.“
    Und er betont dazu ausdrücklich: „Im Zusammenhang mit Menschen Wörter zu benutzen,
    die eigentlich nur auf Dinge anwendbar sind, zeigt den Verlust an
    Menschlichkeit in der Politik.“

     Das Wort „Beruf“ hat
    für Lafontaine „etwas mit Berufung zu tun. Der Verlust der beruflichen
    Identität ist für die Menschen oft mit Schmerzen verbunden.“ Bei der Wiedervereinigung
    war nach Oskar Lafonaine zu beobachten, „daß nicht nur materielle Wünsche der
    Ostdeutschen unerfüllt blieben. Vielmehr war oft zu hören, daß der Bruch in der
    Arbeitswelt und der Verlust des erlernten Berufs zu einem Gefühl der
    Wertlosigkeit geführt haben.“ Von einer „Entwertung der menschlichen Fähigkeit“
    sei heutzutage häufig die Rede, diese könne aber „nicht in betriebswirtschaftlichen
    oder ökonomischen Kategorien ausgedrückt werden.“ Und daher sei die „Frage,
    unter welchen Bedingungen Menschen heute Arbeiten, heute eine Kernfrage der
    Gesellschaft.”

     Der kategorische
    Imperativ menschlicher Ethik, die Bestimmung der Menschen, bewußt,
    kenntnisreich, befähigt und freiwillig, ihre Wirklichkeit zu bewahren, gilt in
    besonderer Weise auch für ihre wirtschaftlichen Aktivitäten: Wirtschaften muß
    und kann grundsätzlich von ethischen Vorstellungen ausgehen und sie
    verwirklichen.

     


3 Zum Schluss

Die Welt ist oft schlecht und ungerecht, nicht
grundsätzlich, aber oft, zu oft. Zwischen gut und schlecht, rechtens und
ungerecht unterscheiden kann aber nur der zum bewußten Werten befähigte Mensch.
Die Welt pauschal als gerecht, gut, schlecht oder böse zu bezeichnen, hieße,
die Verantwortung für das uns Menschen Geschehende, das uns Widerfahrende auf
etwas Allgemeines, den Willen Gottes oder die Macht des Schicksals oder
ähnliches zu übertragen, das unmöglich zur Rechenschaft zu ziehen ist.

 Wir Menschen sind in
der Lage, die uns bestimmenden Naturgesetze und die Gesetzmäßigkeiten unseres
gesellschaftlichen Zusammenlebens zu erkennen und sie zu nutzen, so daß also
letztlich alles Gute oder Schlechte, das uns widerfährt, von uns mehr und mehr
bewußt beeinflußt, also von uns Menschen und in unserem Sinn verändert werden
kann oder von uns selbst geschaffen wurde und somit erst recht veränderbar ist.

 Obwohl wir einerseits
durch tiefes, erkenntnistheoretisches Eindringen in das Weltgeschehen und durch
das Erschließen weitreichender, praktischer Anwendungsmöglichkeiten unseres
erworbenen Wissens und Könnens immer mehr in der Lage sind, unser Leben und
unsere Umwelt zum immer Besseren hin zu kultivieren, gibt es andererseits immer
noch und immer mehr von Menschen zu verantwortende, zerstörerisch beendende,
zwischenmenschliche Konflikte sowie Naturkatastrophen, die oft und immer
häufiger von Menschen verursacht werden, gibt es dieses zu oft Schlechte und
Ungerechte in unserem Leben.

 Die grundlegenden
Ursachen für beides, den unerhörten, den Lebensalltag aller revolutionierenden,
wissenschaftlich – technischen Fortschritt einerseits sowie Verelendung der
Menschen und Bedrohung der Natur überall auf der Erde andererseits, liegen im
wesentlichen darin, daß in der Gesellschaftsepoche der hochentwickelten,
kapitalistischen Wirtschaftsweise die Menschen zwar motiviert durch das
Nützliche, zum Leben und Überleben unbedingt Nötige ihres Tätig – Seins an ihr
alltägliches Wirken gehen, sie aber durch die Gewalt allmächtig gewordenen  Finanzdrucks, gezwungen sind, nicht in erster
Linie das Nützliche zu bewirken, sondern ihre Arbeitskraft für irgend etwas zu
verkaufen und zu verschleißen, das zwar vielfach irgendwie nützlich, immer
jedoch vorrangig profitabel und oft auch, beziehungsweise immer häufiger,
unsinnig, überflüssig, verschwenderisch oder gefährlich zerstörerisch ist.

 Zum Zweck des
Erwirtschaftens fast nur noch geldwerten Gewinns werden Energieressourcen zu
zerstörerischem Beenden daseinsnotwendiger Gegebenheiten verbraucht,
Materialien und Wirkstoffe verschwendet und zusammenhanglos vermittelte Kenntnisse
und Teilwissen zu Desinformation, Manipulation und zur Machtausübung mißbraucht.

 Die nicht gebrauchten
Menschen fallen weltweit gesehen entweder der Vernichtung und dem Siechtum
anheim oder man versucht, sie bestenfalls mit „Brot und Spielen“, wie dies im
Römischen Imperium hieß, beziehungsweise, wie man gegenwärtig sagen würde, mit
dem „Tropfen sozialen Öls“ in der „Spaßgesellschaft“ ruhig zu stellen. Nur ein
sehr geringer Teil und ein immer geringer werdender Prozentsatz der Menschheit
kommt in den Genuß des bisher erreichten Fortschritts. Selbst die Männer und
Frauen, die von der mehr und mehr anonym wirkenden Finanzoligarchie als das
Management des sogenannten Big Business beschäftigt und gehalten werden,
gleichgültig ob in der Wirtschaft oder der Politik tätig, führen mehr und mehr
ein eher armseliges Leben in Vereinsamung, Unstetigkeit, Überarbeitung, in
Sinnlosigkeit!

 Durch ständiges
Neuaufteilen der Welt in Wirtschaftsstandorte, politisch – ökonomische
Machtbereiche beziehungsweise Einflußsphären weltweit vernetzter und gegeneinander
konkurrierender Körperschaften des Finanz-, Aktien- und Verwertungskapitals
werden die ursprünglich bereits natürlich vorhandenen und historisch immer
größer werdenden Disproportionen bei der Entfaltung der Produktivkräfte immer
größer. Stoff-, Energie- und Informationsflüsse geschehen weltweit im Zuge der
sogenannten Globalisierung immer mehr zum Zweck der mehr und mehr nur noch geldwerten
Profitmaximierung. Kreisläufe des Erzeugens, der Verteilung, des Austauschs und
des Verwendens alles Lebensnotwendigen und Nützlichen, die die Menschen unmittelbar
für die Gestaltung ihrer Lebensverhältnisse, ihrer alltäglich und überall
notwendigen zwischenmenschlichen Beziehungen brauchen, sind gestört, zerbrechen,
sind vielfach nicht mehr vorhanden. 

 Immer mehr prägen
Neid, Haß und Dummheit, brutale Gewalt, Krieg und Mord, Menschenverachtung und
Zerstörung das Zusammenleben der Völker und Nationalitäten wie auch der
Menschen an sich, überall und überhaupt bis in die Sphäre der intimsten
zwischenmenschlichen Beziehungen hinein.

Die kapitalistische, das menschliche Tätigsein auf das Erzeugen
geldwerten Profits orientierende Produktionsweise zerstört im Endeffekt die
lebensnotwendigen zwischenmenschlichen Beziehungen. Zum Nützlichen verwendetes
Eigentum geht mehr und mehr in den Besitz anonymer, immer höheren Profit
erstrebender Kapitalgesellschaften über.

Zum Erzeugen von Nützlichem befähigte und, so eingesetzt,
auch Freude am Geschaffenen bringende Arbeitskraft muß zur reinen, mehr und
mehr lustlos ausgeführten und erzwungenen Gelderwerbstätigkeit verkauft beziehungsweise
gekauft werden und wird letztlich zum Zweck nur geldwerter, nur profitabler,
also im Sinne der Nützlichkeit unproduktiver Leistungserbringung verschlissen.

 Bildung, die den
Menschen zur Vervollkommnung des Nützlichen und zum Bewahren des Schönen
befähigen soll und kann, wird zur Manipulation, Desinformation und
Machtausübung mißbraucht beziehungsweise hauptsächlich auf die Regeneration der
Arbeitskraft und möglichst nur darauf begrenzt ausgerichtet.

 Menschenwürdige
Lebensverhältnisse für alle und Chancen zum Überleben überhaupt, gibt es für
uns Menschen nur, wenn es uns  künftig
gelingt, die antreibende Peitsche des geldgierigen Profitstrebens durch das
motivierende Zuckerbrot des Gewinns am Nützlichen zu ersetzen. Es gilt, nicht
vom Kapitalbesitz zu profitieren sondern an nutzbringend bearbeitetem Eigentum
zu gewinnen.

 “Alles Vergängliche
ist nur ein Gleichnis, das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis, das
Unbeschreibliche, hier ist’s getan, das ewig Weibliche zieht uns hinan!” meint
Johann Wolfgang von Goethe.

 Negation der Negation
ist ein objektiv wirkendes, allgemeines Grundgesetz der Dialektik, dem zufolge
die Entwicklung als ständige Negation bestehender Qualitäten dergestalt vor
sich geht, daß eine negierte Qualität eine erneute Negation erfährt und die
Entwicklung somit wesentliche Seiten der ursprünglichen Qualität auf höherer
Ebene gleichsam wiederholt.

 So sah auch Johann
Wolfgang von Goethe den Lebensweg seines Heinrich Faust, dem das Vergängliche
allen Seins stets bewußt war, den das Unzulängliche allen Wirkens stets
beunruhigte und den das Unbeschreibliche des ewig Wahren stets vorantrieb, weil
ihn stets das ewig Weibliche hinanzog.

 Nach der Grablegung
Fausts läßt Goethe den Chorus mysticus singen: “Alles Vergängliche ist nur ein
Gleichnis.” Das sich bewegende, sich ständig verändernde, und schließlich im
konkret Einzelnen stets vergängliche Sein ist sich seiner selbst immer wieder
ein neues, sich vervollkommnenderes und so seinem wahren Urgrund immer
ähnlicher werdendes Gleichnis, das in stets neuer Unzulänglichkeit erscheint
und stets nur gegenwärtig bestehen kann. “Das Unzulängliche, hier wird’s
Ereignis”, singt der Chor dann weiter.

 Die Auffassung der
Negation der Negation als allgemeine dialektische Gesetzmäßigkeit geht auf Georg
Wilhelm Friedrich Hegel zurück, der dieses Gesetz als das Grundgesetz der
Dialektik schlechthin betrachtet. Es durchzieht sein System als leitendes und
richtunggebendes Motiv. Hegel sieht so den Weltprozeß als ein System
ineinandergeschachtelter Triaden bestehend aus Position, Negation und Negation
der Negation. 

 Goethe läßt den
Chorus weiter singen: “Das Unbeschreibliche, hier ist‘s getan, das
Ewig-Weibliche zieht uns hinan.”

 Das heißt, das in
seiner ganzheitlichen Beweglichkeit niemals vollständig beschreibliche Sein
prozessiert sich aus dialektischer Widersprüchlichkeit, aus dem ewig sich mit
dem männlichen auseinandersetzenden weiblichen Prinzip, aus der sich ständig in
sich befruchtenden, fortsetzenden und vervollkommnenden Wirklichkeit heraus, sich
aus wahren Ursprüngen selbst schöpfend.

 Der durch
Naturgesetze biotisch inkarnierte, sich mittels seines das Weltganze bewußt
reflektierenden und zu gewolltem Eingreifen befähigten Bewußtseins selbst erkennende,
individuell eigenartige Mensch erhebt sein Gesicht aus chaotischer Wahrheit und
aus sich in Raum und Zeit und nach dialektischen Gesetzmäßigkeiten bewegendem
Sein. Er kann sich nur in Harmonie ermöglichenden und erwirkenden sozialen
Verhältnissen, in seiner von ihm bewußt gestalteten Gesellschaft also und mit
seiner ihn bestimmenden Wirklichkeit als Ganzem 
stoff-, energie- und informationswechselnd entfalten.

 Im bewußten
Bearbeiten natürlicher Gegebenheiten haben wir Menschen immer geeignetere
Energie- und Rohstoffquellen erschlossen, um damit Gebrauchswerte herzustellen
und Leistungen füreinander zu erbringen. So können alle Bedürfnisse, die sich
sowohl aus den biotischen, als auch den psychosozialen Wesensmerkmalen der
Menschen ergeben, immer besser befriedigt und humanistische Gesellschaftsverhältnisse
den jeweiligen Umständen entsprechend gestaltet werden.

 Wissenschaft hat seit
je her mehrere Funktionen erfüllt. Sie wird zur Produktivkraft, wenn sie die
Effektivität menschlicher Tätigkeit, sei sie materiell – gegenständlich oder
geistig, erhöht. Als Fundus von wahren Aussagen, Theorien, Hypothesen oder
Modellen, die die Welt in ihren Teilen oder in ihrem Ganzen interpretieren, von
Handlungsweisungen oder Aufforderungen, die auf die Veränderung des Bestehenden
zielen, sowie von Normungen und Wertungen, die Existierendes oder zu Erreichendes
in Beziehungen zum Menschen setzen, zeigt sich Wissenschaft in ihrer kulturellen
Dimension, als Ausdruck der Herausbildung der produktiven Kräfte des Menschen,
als Resultat seiner schöpferischen Fähigkeiten.

 Wissenschaftsfortschritt als Kulturfortschritt
bedeutet Erweiterung des Erklärungs-, Vorhersage- und Gestaltungspotentials der
Wissenschaft, das durch Bildung weiter gegeben werden kann und muß. Zur
Humankraft wird Wissenschaft dann, wenn sie die Grundlagen für die Schaffung,
Gestaltung und Erhaltung solcher Daseinsbedingungen liefert, die der
Fortexistenz und Weiterentwicklung der Menschheit und des Menschen dienen.

 Humane
Daseinsbedingungen sind in zunehmendem Maße nur durch das aktive Wirken, durch
die organisierte und koordinierte Teilhabe vieler, wenn nicht aller Menschen zu
realisieren. In und mit diesem demokratischen Prozeß der gemeinsamen
Gegenwartsbewältigung und Zukunftsgestaltung wachsen nicht nur die Anforderungen
an die Berücksichtigung unterschiedlicher individueller,  Gruppen-, nationaler und globaler Interessen,
sondern auch die Kompetenz der Beteiligten.

 Wissenschaftsentwicklung begründet und fordert
den weiteren Ausbau der Demokratie, um die schöpferischen Potenzen aller
nutzen, Engagement fördern, Gefahren erkennen, Risiken minimieren sowie
Entscheidungen durch das Zusammenführen der Kompetenz der Betroffenen, der
Entscheider und der Macher fundieren, um Subjektivismus und
Meinungsmonopolisierung zurückdrängen zu können.

 Wissenschaft kann
neue Möglichkeiten erschließen, um Gefahren abzuwenden, alternative Lösungen zu
finden und sozialen Fortschritt zu befördern. Das erfordert aber – den
vielfältigen Erwartungen und Erfahrungen, aber auch den Hoffnungen und Ängsten
aller Betroffenen Rechnung tragend, Humanität und Akzeptanz der Wissenschafts-
und der darauf basierenden Technikentwicklung zu garantieren.

 Überaus viele Inhalte
im Sinne gesellschafts- und naturwirklicher Notwendigkeiten gilt es von Natur-,
Technik- und Gesellschaftswissenschaftlern zu durchdenken, zu diskutieren und
zu bearbeiten, um das produktive Potential der Wissenschaft zu erschließen, so
beispielsweise: Die Versorgung der Menschen mit Nahrungsgütern und der
Industrie mit Rohstoffen, die Verhältnismäßigkeit zwischen Ökonomie und Ökologie,
die Erhaltung und Förderung der Gesundheit der Menschen, die biotechnologische
Produktion von Pharmaka und anderer bioaktiver Verbindungen, die Entwicklung
und bedarfsgerechte Herstellung von Plast-, Elast- und Sonderwerkstoffen mit speziellen
Eigenschaften für die Anwendung in Hochtechnologien, die Veredlung von
Rohstoffen, Sekundärrohstoffen und Abprodukten, die Schaffung abproduktarmer
Technologien und geschlossener Stoffkreisläufe, die Fernerkundung der Erde, die
Meeresforschung,  die Nutzung von
Erdeigenschaften, die Deponie von Abfällen in der Erdkruste, die Entwicklung
von hocheffektiven Rechnern und künstlicher Intelligenz, das Nutzbarmachen von
Erkenntnissen der Grundlagenforschung, die Anwendung von Wissen aus der
Festkörperphysik, der Opto- und Quantenelektronik, der Mikroelektronik, die
Entwicklung neuer Treibstoffe, von Kraftwerken und neuartigen Motoren und
Sensoren und vieles andere mehr.

 Besonders durch
kapitalistisch dynamisiertes Wirtschaften wurden Energiequellen wie die Nutzung
der Atomkernkraft, Stoffe und Materialien wie Kunstfasern, Reinstmetalle und
hoch effektive Wirkstoffe mittels wissenschaftlich – technischer Hochleistung,
technologischen Know – hows, also aus menschlicher Kreativität schöpfend,
erschlossen, entwickelt und erzeugt.

 Die Lösung der
Probleme, die sich aus dem kapitalistischen Wirtschaften im Destruktivstadium
ergeben, kann nur durch bewußtes Umgestalten der Produktionsverhältnisse, also
durch politisches Handeln erfolgen, in dem nach dem Begreifen der Notwendigkeiten
gesucht, das Befriedigen wahrhaftiger Bedürfnisse erstrebt und das Bewahren der
Wirklichkeit gewollt werden.

 Den Stand der
Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen die Menschen
gegenwärtig existieren, progressiv bewertend kann festgestellt werden: Wenn
durch die ständige Weiterentwicklung der Produktivkräfte erreicht wird, daß
Energiequellen entsprechend des Bedarfs aller erschlossen werden und wenn sehr
lange gebrauchsfähige, qualitativ hochwertige Materialien und zur kausalen Problemlösung
geeignete Wirkstoffe für jeden zur Verfügung gestellt werden können, ist
profitorientiertes Wirtschaften nicht mehr notwendig, braucht das Ergieren von
geldwertem Profit nicht mehr die treibende Kraft der gesellschaftlichen Bewegungen
zu sein. 

 Es müssen
Produktionsverhältnisse gestaltet werden, die das Erstreben befriedigender und
bewahrender Nützlichkeit als treibendes Handlungsmotiv der Menschen
ermöglichen. Das Produzieren, Verteilen, Austauschen und Konsumieren muß sowohl
befriedigend für jeden einzelnen sein, als auch im Einklang mit dem notwendigerweise
zu erhaltenden Stoff-, Energie- und Informationswechsel der gesamten
Wirklichkeit geschehen.

 So, wie das zwischen
dem geldwerten Aufladen des Kapitals und dessen Entladung, also der
Kapitalakkumulation stimulierte Wirtschaften die Beschränkungen feudaler
Besitzstrukturen überwinden, die Position der darin erstarrten
Naturalwirtschaft verlassen, also die feudalen Produktionsverhältnisse
beseitigen, negieren mußte, um unter neuen gesellschaftlichen Verhältnissen die
Produktivkräfte in vorher nicht zu erahnenden Ausmaßen zu dynamisieren und die
Menschen auf eine weitaus höhere Kulturstufe zu heben, muß heute diese zur
kapitalistischen Position gewordene Negation feudalistischen Wirtschaftens
neuerlich negiert, also zu neuen Gesellschaftsverhältnissen erhoben werden. Es
gilt nun zur Lösung der anstehenden, weltweit sehr verschieden erscheinenden
aber auf den gleichen Ursachen beruhenden sozialen und ökologischen Problemen
zu schreiten und die nächst höhere Entwicklung der Produktivkräfte in der dem
Menschen und der Natur notwendigen Weise zu ermöglichen.

 Nur auf Gerechtigkeit
gerichtete Lebensverhältnisse können im Sinne der Menschlichkeit
leistungsmotivierend wirken.

Die Menschen beginnen zu erkennen, daß nicht geldwerter Vorteil
und Profit ergiert werden müssen, sondern es erstrebenswert ist, selbst- und
verantwortungsbewußt das für Mensch und Natur Nützliche zu erarbeiten. Dazu
bedarf es klarer Vorstellungen, wie es denn anders, besser gehen könnte und dem
daher kommenden, politisch formulierten und demokratisch umgesetzten Willen der
Menschen zu Veränderungen in diesem Sinn.

 Um der Menschheit die
weitere Gestaltung und den Fortbestand ihrer Kulturen, also die bewußte, auf Nützlichkeit
orientierte und das Mensch–Sein bewahrende Einflußnahme auf ihre gesamte
Wirklichkeit zu ermöglichen, ist es unumgänglich, daß sich die mit immer mehr
Restriktionen auf die Bevölkerungen wirkenden und zu Überholendes
konservierenden Staatsapparate zu dienstleistenden Verwaltungsorganen
entwickeln, die alle die zwischenmenschlichen Beziehungen bedingenden Stoff-,
Energie- und Informationsflüsse besonders in den unmittelbaren, kommunalen Bereichen
durch ihre Tätigkeit stimulieren. Steuern und Abgaben müssen dort, wo sie
erarbeitet auch für das Nützliche investiert, für soziale Gerechtigkeit
eingesetzt und für kulturelle Bedürfnisse der Einzahlenden ausgegeben werden.

 Kreditinstitute
müssen künftig ihre Darlehen zielgerichtet, mit moderaten und jeweils
entsprechend stimulierenden Zins- und Tilgungsraten an in erster Linie auf
Nützlichkeit und mit dieser auf Gewinn orientierte Betriebswirtschaften,
kulturelle Einrichtungen oder Forschungsinstitute und so weiter vergeben, um so
mit Kompetenz und Verantwortungsbewußtsein tätige und dadurch legitimierte
Eigentümer von Produktionsmitteln zu unterstützen, deren Wirken überhaupt erst
zu ermöglichen.

 Energiebereitstellung
muß weltweit für alle Menschen demokratisch stimuliert, gewährleistet,
verantwortet und kontrolliert werden, die dazu und die zur Gewinnung von
Stoffen, Materialien und Wirkstoffen notwendigen natürlichen Ressourcen müssen
zu garantiertem Eigentum der Menschheit als ganzes werden.

Die großtechnische Verarbeitung von Rohstoffen zu hochwertigen
Materialien oder Bauelementen muß künftig in ebenfalls weltweit demokratisch
zur Produktion stimulierten und kontrollierten, vollautomatischen Betrieben an
den geeignetsten Standorten geschehen, damit sie von den Menschen für ihr
konkretes zwischenmenschliches Tätig- und Nützlichsein, die von Mensch zu
Mensch, von Menschen für Menschen zu leistende Arbeit verwendet werden können.

 Grundlagen- und
angewandte Forschung muß künftig in gesamtgesellschaftlicher, demokratisch
kontrollierter Verantwortung geleistet und deren Ergebnisse ebenso verwertet
werden. Das daraus hervorgehende Wissen muß allen Menschen zugänglich sein.

 Bildung und Erziehung
muß in ihren Zielstellungen darauf gerichtet sein, daß jeder Mensch seine
Begabungen und Talente erkennen und den auf deren Grundlage entstehenden
Neigungen im Lernprozeß nachgehen kann und er dementsprechend zu seinem
eigenverantwortlichen Tätigsein befähigt wird.

Jedem Menschen muß es künftig möglich sein, mittels des von
ihm selbst erarbeiteten Gewinns im Prozeß seines konkret ihm möglichen
Tätigseins und entsprechend seiner weltanschaulichen und ästhetischen
Bedürfnisse und Vorstellungen sein Leben zu genießen.

 Damit wir Menschen
künftig sowohl für unseren Lebensgenuß, als auch das Bewahren unserer
Wirklichkeit, unserer Natürlichkeit, unserer Gesellschaftlichkeit, das
Mensch–Sein überhaupt wirken und dabei wahrhaftig aus dem Vollen schöpfen können,
ist keine blutig verlaufende Revolution, sind keine Grausamkeiten gegenüber und
Ausgrenzungen von Menschen erforderlich. Mit unserem Verstand können wir das
jeweils notwendigerweise Erforderliche begreifen und das dementsprechend
Mögliche zur Umgestaltung unserer Lebensverhältnisse erkennen. Aus dieser Erkenntnis
kann und wird der Wille zur Veränderung erwachsen.

 

Helfen wir uns selbst!


ISBN

ISBN-10: 33895149268
ISBN-13: 978-3895149269