Die Welt in uns: Das wirkliche Utopia

Frank Nöthlich
Die Welt in uns: das wirkliche Utopia

Inhalt

 An den Leser …………………………………………………….1
 Der inkarnierte Lehm                 
 Vom Mutanten zur Persönlichkeit                                  
 Man lebt nur einmal                 
 Amor und Psyche                          
Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen………2                    
 Gewissensbisse                      
 Und weil der Mensch ein Mensch ist 
 An die Freude                       
 Die menschliche Komödie                                         
 Zum Schluss …………………………………………………….3
                     

1 An den Leser

An
den Leser

 Um existieren zu können, muss sich alles Seiende
bewegen. Auch das menschliche Leben bewegt sich eingebunden in das universelle Weltgeschehen.
Leben ist ein Vorgang, der immer gegenwärtig geschieht. Das gestern Gelebte
kann heute noch sein, aber nicht so, wie es war.

 Es sind die
Fragen des Alltags, die uns Menschen auf der Suche nach Antworten und
Lösungswegen zum Handeln motivieren die uns zu konkreten Taten schreiten
lassen. Im täglichen Bemühen wollen wir unseren Hoffnungen entsprechen und
Ängste überwinden.

 Die
Geschichte der Menschen ist die Hinterlassenschaft des Alltagsgeschehens.

 Damit der
lebensnotwendige Stoff-, Energie- und Informationsaustausch im Menschen
zwischen den Menschen und zwischen ihnen und der sie umgebenden und
ermöglichenden Natur sinnvoll und befriedigend gestaltet werden kann, ist es notwendig,
dass lebendige, sich ihrer Selbst bewusste, menschliche Wesen gemeinsam wirken.

 Menschen
sind biotische Wesen aus Fleisch und Blut. Sie können aufrecht gehen und mit
frei verfügbaren Händen arbeiten. Zum Sprechen und Tätigsein und um sich
fortpflanzen zu können brauchen sie Beziehungen zueinander. Wir Menschen wollen
in freudevollem Miteinander, erträglichem Gegeneinander und wohlwollendem Füreinander
leben und können so nur überleben.

 Jeder Mensch
kann in seinem Hirn Informationen speichern, Erkenntnisse denkend und
empfindend verarbeiten und Schlussfolgerungen für sein Handeln ziehen, das er
eigenwillig und eigenverantwortlich auszuführen vermag. Wir Menschen haben eine
Seele und wir haben Geist.

 Zusammenwirkend konnten sich die Menschen aus
dem Tierreich zu bewusst bewirkenden Lebewesen entwickeln. Sie können das Sein
erkennen und verändern. Kreativität unterscheidet uns Menschen von allem
anderen Seienden der Wirklichkeit.

 Um unser
Dasein zu ermöglichen ist uns Menschen die Pflicht auferlegt, kreativ zu sein.
Unsere Bestimmung ist es, die sich zufallsnotwendig ereignende, natürliche
Wirklichkeit in unserer von uns bewusst und vernünftig gestalteten kulturellen
Wirklichkeit aufzuheben. Nur die Menschen können Vervollkommnung und Schönheit
erstreben und das wahrnehmbare Sein bewahren.

 Jeder Mensch
muss sich als ein zum Weltganzen gehörendes einmaliges Selbst erkennen, um sich
für den Weg durchs Leben seine eigenen Entwürfe machen und diese am dafür
geeigneten Platz in Gesellschaft mit Gleichgesinnten bearbeiten zu können.  

 Ein
wirkliches Utopia, eine Welt also, in der das Glück des Einzelnen die Voraussetzung
für das Glücklich – Sein aller ist, müssen wir Menschen zuerst in uns selbst finden,
um uns dementsprechend in der uns ermöglichenden Wirklichkeit einen würdigen
Wohnsitz errichten zu können.

 

2 Von einem der auszog …


 „Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen
…“, erzählen die Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm in einem Märchen.

 Auf naive, unvoreingenommene Weise versucht in
dieser Geschichte ein Jüngling, etwas aus sich zu machen. Da er sich vor gar
nichts fürchtet meint er, zunächst das Gruseln erlernen zu müssen.

 Er widersteht in einem vermeintlich
verwunschenen Schloss drei Nächte hindurch einer Geisterwelt, von der er
berechtigter Weise annimmt, dass man ihm deren Existenz bloß eingeredet hat.
Dergleichen hat er schließlich in seiner alltäglichen Wirklichkeit bisher noch
niemals wahrgenommen.

 So macht dieser Jüngling durch seine
Furchtlosigkeit sein Glück, bekommt eine Königstochter zur Frau und die im
Schloss verborgenen Schätze zum Geschenk.

 Das Gruseln erlernt er zu guter Letzt aber
doch noch, als ihn seine Frau, währenddessen er schläft, unerwartet mit einem
Eimer Wasser und darin zappelnden, kleinen Fischchen übergießt.

 Hirngespinste ängstigen den Jüngling nicht,
erst der ungestüm über ihn gekommene Guss des eiskalten Naturelements lehrt ihn
das Fürchten.

 Es drängt sich
bei solchen Geschichten die Frage auf, welche Rolle das Gefühl und die
Empfindung und welche der Verstand und die Vernunft für einen Menschen spielen,
wenn er sich zu entscheiden hat. Sind diese nur nüchterne Schlussfolgerungen
des Überlebenswillens sich ihrer selbst bewusst Starker und jene sentimentale
Eingebungen misstrauisch verzagt Schwacher, oder ist es umgedreht oder doch,
ganz anders?

 Es scheint weit
schwieriger zu sein, die in uns wirkende Widerspiegelung der Welt, als das um
uns wirkende und uns bewirkende Sein zu begreifen.

 „Der Geist ist
willig, aber das Fleisch ist Schwach“, sagt Jesus zu seinen Jüngern, als diese
eingeschlafen sind, statt mit ihm zu wachen, obwohl es doch für sie alle um
Kopf und Kragen ging. Warum ist das so? Was bringt die Menschen zum Handeln und
was versetzt sie in Lethargie?

 Unter den Kindern
des ersten Menschenpaares, Kain und Abel, bricht ein Streit darüber aus, wessen
Opfer Gott angenehmer sei.

 Jahwe entscheidet
sich für Abel, den nomadisierenden Schafhirten, und gegen den Ackerbauern Kain,
weil Abel dankbar das ihm von seinem Gott – Vater übergebene für seinen Lebensunterhalt
nutzt und Kain sich anmaßt, eigen schöpferisch das Vorhandene zu verbessern.
Kain erschlägt daraufhin im Zorn darüber seinen Bruder.

 Welcher von
beiden ist wohl der Starke und welcher der Schwache?

 Als Gott Kain
nach dem Verbleib seines Bruders fragt, antwortet dieser: „Ich weiß nicht; soll
ich meines Bruders Hüter sein?“

 Gott entgegnet
ihm: „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“

 Daraus
entwickelte sich die Charakterisierung “himmelschreiend” für eine besonders
verruchte Tat und die Metapher von der “Stimme des Blutes”.

 Die Mahnung
Gottes macht Angst. Aber wovor und warum muss der Mensch Angst haben? Ängste
und Angsterlebnisse begleiten den Menschen in vielfältiger Weise von der
frühesten Kindheit bis zum Lebensende.

 Körper, Seele und
Geist stehen bei allen Angstreaktionen in untrennbarem Zusammenhang. Einige der
Grundlegenden Ängste, die alle Menschen teilen, sind die vor Krankheit,
Schmerzen, Dunkelheit, Einsamkeit, Trennung und Verlust.

 Fast alle Menschen
haben schon einmal plötzliche Angst-Schreck-Reaktionen erlebt, zum Beispiel im
Straßenverkehr. Charakteristisch ist hier das plötzliche Auftreten von Angst
mit starkem Herzklopfen, dem Gedanken, noch einmal davongekommen zu sein, und
dem Gefühl, erst einmal aussteigen zu müssen, um wieder zur Ruhe zu
kommen.  

 Häufig sind auch
Angstgefühle vor möglicherweise unangenehmen Situationen, zum Beispiel die
Angst, vor einer schwierigen Prüfung den Klassenraum zu betreten. Hier tritt
die Angst länger und schon vor der eigentlichen Situation auf und ist eher
durch die ängstlichen Befürchtungen gekennzeichnet, zum Beispiel zu versagen.

 Viele Menschen
sind auch – vor allem in schwierigen Lebenslagen – mit dem Gefühl von wochen-
oder monatelang anhaltenden Sorgen und ängstlichen Befürchtungen vertraut, dass
etwa den Kindern etwas zustoßen könnte oder dass berufliche oder finanzielle
Sorgen ausweglos erscheinen.

 Hier wechseln die
Inhalte von Angst oft schnell, der Schlaf ist gestört, und vielfältige körperliche
Beschwerden wie Herzrasen, Schweißausbrüche und körperliche Unruhe nehmen
überhand.

 Wieder andere
Menschen erleben häufig scheinbar unerklärliche und plötzlich auftretende
panische Angst, die kaum auszuhalten ist. Auch eigene Körperempfindungen wie die
Beobachtung, nicht richtig durchatmen zu können, Erstickungsgefühle, Flimmern
vor den Augen, Taubheits- und Kribbelgefühle können Ängste hervorrufen.

 Angst jedoch ist
ein grundlegend normales Gefühl, das bei jedem Menschen auftritt, genauso wie
Zorn, Wut, Freude und Traurigkeit. Sie schützt vor wagehalsigem Übermut und
blindem Vertrauen.

 Ängste
Unwissender können aber auch geschickt zu despotischer Machtausübung mißbraucht
werden und menschlichen Unternehmungsgeist hemmen.

 Auf jeden Fall
ist es eine uralte Weisheit, dass schöpferischer Unternehmungsgeist aus Liebe
erwächst. Liebe ist die zum Bewahren treibende Kraft, die alles Schöne zeugt.

 Der Liedermacher
Kurt Demmler fragt in einem seiner Texte danach, woran die Liebe zu erkennen
sei: 

 „Leicht und
uferlos liegt die Liebe bloß, hat ihre Schuh in die Wiese gestellt und die
Spange entfernt, die das Haar falsch hält.

 Hat sich
hingestreckt, wo kein Mensch sie weckt, irgendwo auf dem Stock da hängt ihr
Rock, irgendwo auf dem Stein muss ihr Hemdchen sein.

 Ach wie hat sie
satt Falschheit und Verrat, gibt alle Schwüre den Vögeln zum Fraß und den
Schlangen, denen gibt sie den bitteren Hass.

 Liebste lass uns
gehn, nach der Liebe sehn, so wie sie schläft auf dem samtgrünen Moos, aller Sachen
entledigt so bleich und bloß.

 Liebste oder sind
Menschenaugen blind, finden nur den Rock, Hemdchen Spange und Schuh und die
uferlose Liebe nicht dazu?“

 Die uferlose
Liebe ist nackt wie die Wahrheit. Sie ist die Stärke, die Wahres verwirklicht.
Menschenaugen sehen meist nur Hemdchen, Spange und Schuh, also einige der in
der Wirklichkeit gestalteten Wahrheiten.

 Menschenliebe
besteht darin, die Wirklichkeit zu bewahren und die Wahrheit zu gestalten, also
müssen sich die Menschen der uferlosen Liebe bewusst werden und nach der
Wahrheit suchen.

 Seinem Freund,
dem Schöpfer der lateinischen Liebeselegie C. Cornelius Gallus, legte Vergil in
einem seiner Hirtengedichte die Worte in den Mund: „Alles besiegt die Liebe.“

 Liebe ist also
etwas tatkräftig Energisches, sie nimmt den Kampf auf gegen alles, das sie,
wenn es nötig ist, auch besiegen kann.

 Wer aber kann
sagen, beschreiben oder erklären, was das ist: die Liebe. Wir wissen nur, dass
es sie gibt und dass sie wirkt und zwar siegreich, wie Vergil meint.

 Vor jedem Sieg
wirkt aber auch die Angst. Warum muss sich die doch alles besiegende Liebe
ängstigen, worum kämpft sie?

 Von 36 bis 29 v.
u. Z. arbeitete Vergil an dem großen Lehrgedicht über den Ackerbau, das die in
den Bürgerkriegen verkommene Landwirtschaft aufwerten sollte. Es ist ein
Loblied auf die friedliche Arbeit, welche die Hoffnungen auf ein “Goldenes
Zeitalter” verwirklichen und die innere Ordnung wieder festigen sollte.

 Darin schreibt
Vergil: „Unablässige Arbeit besiegt alles“ – Also auch die Arbeit kann alles
besiegen, auch sie ist ein Kampf. Sind Arbeit und Liebe demnach verwandt oder
ein und dasselbe, arbeitet die Liebe, macht lieben Arbeit?

 Liest man weiter
bei Vergil, in seiner Äneis, so erfährt man dort, dass sich Leben zwischen Furcht
und Hoffnung schwebend abspielt.

 Die Äneis beginnt
mit der Schilderung eines Seesturms, der nach siebenjähriger Fahrt die Flotte
des Äneas von Sizilien nach Karthago verschlägt. Neptun ruft die Winde zur
Ordnung. Als sich das Meer geglättet hat, erreicht die müde Schar die libysche
Küste und denkt an die verlorenen Gefährten, „… zwischen Furcht und Hoffnung
schwebend, ob sie noch leben“.

 Liebe und Arbeit
sind Lebensäußerung des menschlichen Schöpfertums. Sie können alles besiegen,
auch die Angst und doch schwebt das Leben ständig zwischen Furcht und Hoffnung.
Was haben die Menschen zu befürchten, worauf hoffen sie?

 Tse-tschang
befragte den Konfuzius über die Menschenliebe. Konfuzius sagte: “Wer imstande
ist, in der Welt fünf Dinge zu betätigen, dürfte voll Menschenliebe sein.” –
Tse-tschung bat, fragen zu dürfen, was diese fünf Dinge wären. Der Meister
sagte: “Ehrerbietung, Weitherzigkeit, Aufrichtigkeit, Fleiß, Güte. Ist man
ehrerbietig, so gewinnt man die Menge, ist man aufrichtig, so genießt man das
Vertrauen der Menschen, ist man fleißig, so hat man Erfolg, ist man gütig, so
genügt das, um die Menschen zu verwenden.”

Erfolgreich tätig zu sein, vertrauensvoll
gemeinschaftlich nach den Schönheiten des Lebens suchen zu können, ihrer
Bestimmung gerecht zu werden und Gutes zu erleben erhoffen sich die Menschen;
zerstörerisches Beenden schöner und notwendiger Gegebenheiten befürchten sie.

 Einerseits
willens, das Vervollkommnen des Seienden zu erstreben, dem kategorischen
Imperativ zu entsprechen und andererseits genötigt, seine Umgebung und sich
selbst auch verbrauchen, zerstören und beenden zu müssen, also ständig zum
skeptischen Konjunktiv bereit zu sein, zwingen die Menschen um Moralität zu
ringen, zwingen sie zu lieben und machen sie zur Liebe fähig.

 Der Mensch denkt,
also ist er gewesen; er wirkt, also ist er; er bewahrt, also wird er sein.

 Der Hoffende will
nach Wahrheit suchen: „Mir kommt vor, das sei die edelste von unseren
Empfindungen, die Hoffnung, auch dann zu bleiben, wenn das Schicksal uns zur
allgemeinen Nonexistenz zurückgeführt zu haben scheint“, meint Goethe in seinen
Schriften zur Literatur.

 Wenn Liebe
Arbeit, schöpferisch schaffendes Wirken ist und die Hoffnung sich im Willen,
nach Wahrheit zu suchen äußert, was ist dann der Glaube?

 In seinem
Kalender der Weisheit schreibt Leo Tolstoi dazu: „Die Menschheit schreitet ohne
Unterlass voran. Diese Vorwärtsbewegung ist auch für dich als einzelner nötig.
Die Lebensweise des Menschen hängt von seinem Glauben ab.

 Der Glaube wird
mit der Zeit einfacher, klarer und kommt der Wahrheit näher; in Übereinstimmung
mit der Vereinfachung und Klärung des Glaubens verbinden sich die Menschen
immer miteinander.

 Glaubst du, es
sei je gerechtfertigt, auf dem Weg nach mehr Verständnis innezuhalten, dann
bist du von der Wahrheit sehr weit entfernt.

 Das Leben, das
wir bekommen haben, wurde uns nicht gegeben, damit wir es bloß bewundern,
sondern damit wir ständig nach einer weiteren Wahrheit suchen, die uns noch
verborgen ist.“ 

 Glauben heißt also
zu versuchen, die Wahrheit zu sehen, Wissen über sie ist nur in immer mehr und
neuen Aspekten möglich, die wirklich in Erscheinung treten, die bewirkt werden.

 Zwei legendäre
Gestalten der Volksweisheit und der Weltkultur stellen in besonders ausdrucksstarker
Weise die innere Zerrissenheit der Menschen in ihrem erlebenshungrigen,
einerseits triebhaft sinnlichen und andererseits wissbegierig vernünftigen
Suchen nach Erfolg und Erfüllung vor.

 “Don
Giovanni” gilt für viele als die wahre Oper aller Opern, Mozart gelingt es
hier gnadenlos die charakterlichen Tiefen und Untiefen der agierenden Akteure
aufzudecken. Gut und Böse sind dabei als Wertkategorien irrelevant. 

 Nicht etwa, weil
ihr Held gegen jede Sitte und Moral verstößt, gibt es wohl keine anstößigere
Oper als Mozarts “Don Giovanni”, sondern weil hier alles stimmt, was nicht
stimmen darf. Der Held ist ein sympathischer Schurke, die Guten stehen für
schamlose Selbstgerechtigkeit.

 „Kluge
Besonnenheit fehlt ihm (Don Giovanni), sein Leben schäumt wie der Wein, mit dem
er sich stärkt; sein Leben ist bewegt wie die Töne, die ein heiteres Mahl
begleiten, immer triumphiert er.

 Er bedarf keiner
Vorbereitung, keines Planes, keiner Zeit, denn bereit ist er immer, weil die
Kraft beständig in ihm ist, die Begierde gleichfalls, und nur, wenn er begehrt,
ist er so recht in seinem Element“, schreibt der dänische Philosoph Sören
Kiekegaard über Don Giovanni.

 Don Juan, wie die
Gestalt im Spanischen heißt, ist also unmoralisch, oder doch nicht? Vielleicht
ist dies ja auch die Gesellschaft, in der er lebt, die sein Verhalten
ermöglicht und herausfordert, deren Scheinmoralität er auf seine Art
widerspiegelt.

 „Warum lädt Don
Juan eigentlich solche Schuld auf sich? Die Liebe zu den Frauen und die Jagd
nach der Lust sind ja schließlich nichts Neues. Dasselbe gilt übrigens für das
Nichthalten seiner Versprechen.

 Don Juan hat den
Verrat und die Hinterlist nicht erfunden. Wie erklärt sich der Reichtum, der
dem Mythos von Don Juan seit dreihundert Jahren eignet? Wagen wir eine Antwort:

 Don Juan
symbolisiert die totale Frechheit, mit der wir selbst liebäugeln, die wir uns
aber versagen. Aus Angst und auch aus Ehrfurcht – Ehrfurcht vor Gott und seinen
Geboten; Respekt vor den Gesetzen der Menschen, vor der Justiz; Achtung gegenüber
den anderen und den Verpflichtungen, die uns mit ihnen verbinden.

 Es handelt sich
nicht um die Frechheit der Kleinen und auch nicht um die Frechheit, die an ihm
begangen wird, sondern um die so ganz andere Frechheit des Serailfürsten, des
Mächtigen und Reichen, der die Werte verhöhnt, auf denen Macht, Reichtum und
Ehre beruhen. Wer kann diesen Frechen noch strafen, wenn nicht Gott selbst?

 Die Frechheit Don
Juans gegenüber allem Geheiligten, das er gewissermaßen profaniert, stellt ihn
außerhalb seiner Kaste, und er bedient sich der Vorrechte, die mit ihr
verbunden sind“, meint Michel Meyer dazu.

 „Don Juan  ist der Ausdruck für das Dämonische, bestimmt
als das Sinnliche, Faust ist der Ausdruck für das Dämonische, bestimmt als das
Geistige, das der Geist des Christentums ausschließt“, schreibt Kierkegaard
weiter in seinen Betrachtungen zu Mozarts “Don Giovanni” und benennt dabei
eine weitere Gestalt, die auf ihrem Lebensweg moralisches Verhalten sucht oder
in Frage stellt.

 Don Juan
verkörpert den naiven Genussmenschen, sinnliche Dämonie ist das grundlegende
Prinzip seines Daseins.

 Goethes “Faust”
ist ein Intellektueller Verführer, der Erlebnisse sucht, um das Leben kennen zu
lernen, ihm fehlt die vitale Stoßkraft eines Don Juan, aber auch dessen
Gewissenlosigkeit, ihn plagen Gedanken.

 Faust ist nicht
hemmungslos zerstörerisch, im Gegenteil, er will Schöpfungswonnen genießen.
Dazu braucht er unsterbliche Jugendlichkeit, die er dem Teufel, seinem
Instrument, in einem Pakt abtrotzen zu können glaubt. „Werd‘ ich beruhigt je
mich auf ein Faulbett legen, so sei es gleich um mich getan! Kannst du mich
schmeichelnd je belügen, dass ich mir selbst gefallen mag, kannst du mich mit
Genus betrügen, das sei für mich der letzte Tag!

 …Werd‘ ich zum
Augenblicke sagen: verweile doch, du bist so schön! Dann magst du mich in
Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehen“, lässt ihn Goethe über
sein Wollen nachsinnen.

 Lange hat Faust,
der von sich meinend Skrupellose, ausgehalten, sich aber dennoch geirrt.

 Ungestümer, wenn
auch kreativer Drang nach immer mehr Wissen, nach immer mehr Genuss und nach
immer mehr Gestaltung lenkt nicht nur auf den Weg des Erkennens, Erbringens und
Erhebens, sondern wirkt auch zerstreuend, zerlegend und zerstörend und macht am
Ende lebensmüde.

 Sein letztes, wie
immer ungewollt jedoch um skrupelloser Strebsamkeit willen auch durchaus
einkalkuliertes, zerstörerisches Wirken, die Beseitigung des letzten Restes
paradiesischer Tugendhaftigkeit in Gestalt von Philamon und Baucis Gärtchen,
ließ denn auch, bei Goethe, die Sorge von Faust Besitz ergreifen und ihn mit
Blindheit schlagen.

 „Doch deine
Macht, o Sorge, schleichend groß, ich werde sie nicht anerkennen“, sagt Faust
und bekommt zur Antwort: „Erfahre sie, wie ich geschwind mich mit Verwünschung
von dir wende! Die Menschen sind im ganzen Leben blind, nun Fauste, werde du‘s
am Ende!“

 Die Besorgtheit
um die Moralität seines Handelns lies Faust nicht mehr erkennen, dass seine
Vision einer zwar nie vollständig erreichbaren aber dennoch
erstrebensmöglichen, idealen Gesellschaft von Mephistopheles als der Augenblick
seiner vollkommenen Zufriedenheit angenommen und der mit seinem Tod zu
bezahlende Packt seitens des Teufels für erfüllt betrachtet wurde.

 Jedoch eben diese
Vision, eben diese Sorge und schließlich das Packtieren mit „jener Kraft, die
stets das Böse will und stets das Gute schafft“, machen Fausts Erlösung von
ewiger Verdammnis möglich.

 Don Juan dagegen
muss in die Hölle. Er besaß zeitlebens die Frechheit, durch sein Tun die
Unmoral seiner Gesellschaft zu geißeln und zu genießen. Besorgt war er nicht
einmal um sich selbst.

 Visionen hatte
Don Juan keine, er erstrebte keine Befriedigung, nach verbrauchender Bemühung
und lüsterner Zerstreuung war es das immer stärker mitreißende Bemängeln
zerstörenden Erlebens, das ihn geradezu lustvoll und blindlings seinem Ende
entgegen trieb.

 Warum gibt es
diese Gegensätze? Warum haben die Götter, wie es Hesiod sagt, vor dem Erfolg
den Schweiß gesetzt? Warum gibt es keine Freude ohne Befürchtungen, kein Glück
ohne Leid? Wie ist dieses Leben für einen Menschen auszuhalten und zu bestehen?

 Ach ja, es gibt
so viel Schönes auf der Welt: „…denn wenn der Smaragd durch seine herrliche
Farbe dem Gesicht wohl tut, ja sogar einige Heilkraft an diesem edlen Sinn
ausübt, so wirkt die menschliche Schönheit noch mit weit größerer Gewalt auf
den äußern und innern Sinn. Wer sie erblickt, den kann nichts Übles anwehen; er
fühlt sich mit sich selbst und mit der Welt in Übereinstimmung“, sagt uns Goethe.

 Schönheit ist
zwar in Wahrheit gegeben, aber nur wer sie wirklich will, kann sie erkennen und
bewahren, nur der Suchende wird zu seiner Befriedigung auch das Schöne erleben.

 Und er kann viel
Schönes finden, den Wein zum Beispiel. Der Wein gehört zu den ältesten
Kulturprodukten der Menschheit und hat bis heute nichts von seiner Faszination
verloren. Das mag sicherlich auch damit zusammenhängen, dass Wein als
Naturprodukt nicht in beliebiger Menge produzierbar ist.

 Die Herstellung
von Wein ist immer ein Spiel mit der Natur, mit den Launen des Wetters und der
Beschaffenheit des Bodens. Wein zu machen ist eine Kunst, und mit jeder Ernte
werden Winzer und Kellermeister immer wieder auf die Probe gestellt.

 Unter den
alkoholischen Getränken nimmt Wein eine Sonderstellung ein. Kein anderes
Getränk hat im Laufe der Menschheitsgeschichte Landschaften und Kulturen,
Poesie und Literatur so nachhaltig geprägt wie der Wein. Bei fast allen
Völkern, in deren Kulturgeschichte der Wein eine Rolle spielt, wird der Rebstock
als besonderes Geschenk des Himmels und der Wein als Heilmittel höheren
Ursprungs angesehen.

 In Mesopotamien
waren die Schriftzeichen für Wein und Leben identisch. Im Wein ist Gesundheit,
das wußten schon die antiken Griechen, die ihn auch mit dem Wort für “Leben”
bezeichneten. Sowohl der Grieche Alkaios, als auch der Römer Plinius der Ältere
haben es schriftlich hinterlassen, dass im Wein Wahrheit und Weisheit liege: In
vino veritas. Essen und Trinken halten Leib und Seele beisammen, sagt ein altes
Sprichwort.

 Aus Bewegungen
und Wechselwirkungen von und zwischen Atomen, Molekülen, Eiweißen und anderen
Teilen und Materialien entsteht und besteht auch der Mensch, ob er will oder
nicht.

 Damit ein Mensch
Gestalt annehmen kann, muss die Natur einer befruchteten, mit Erbinformation
bewährten Eizelle Substanzen und Energie zufließen lassen, damit diese
körpereigene Strukturen aufbauen kann.

 In Wechselwirkung
zwischen dem Aufbau leistungsfähiger, anatomischer Bauelemente und
morphologischer Strukturen sowie dem physiologischen Abbau hochmolekularer
Stoffe zur bedarfsgerechten Energiegewinnung wird ein Mensch biotisch wirklich.

 Stoff- und
Energiewechsel ermöglichen Wachstum und Entwicklung. So entstehen auch sensible
und motorische Nervenbahnen, die, von einem zum Denken befähigenden
Zentralnervensystem gesteuert, bewussten informativen Austausch mit dem
Weltganzen pflegen können. 

 So entwerfen sich
die Menschen ihre eigenen Bilder von der Welt, so können sie innerhalb der
Außenwelt, deren Abbild sie in sich tragen, ihre menschliche Gestalt annehmen.
Nicht allein ihr „Blut ist ein ganz besonderer Saft“, die gesamte
Körperlichkeit der Menschen ermöglicht ihnen ein schöngeistiges Wesen sein zu
können.

 



3 Zum Schluss


 

 Sicherlich kann der einzelne Einsichtige keine
spektakulären, alles revolutionierende Veränderungen herbeiführen, aber Menschen
sind vernunftbegabte Lebewesen und durchaus in der Lage, ihr Leben mittels
ihres Verstandes und auf Grundlage ihrer Lebenserfahrungen entsprechend solcher
Werte zu gestalten, wie Gemeinschaftssinn, Verantwortung für die Umwelt,
Achtung vor dem Leben oder streben nach nützlich verwertbaren Erkenntnissen.

 Um leben zu
können müssen die Menschen tätig werden kreativ sein Leistung erbringen.
Bewußtes und zielgerichtetes eingreifen in das Naturgeschehen, das Nutzen und
Anwenden erkannter Naturgesetze und aktives Suchen nach Möglichkeiten, für sich
selbst sorgen zu können, ihr alltägliches Wirken, ihre Lebensarbeit lassen die
Menschen zu Menschen werden, ermöglichen es dem Einzelnen seine eigene menschliche
Gestalt anzunehmen.

 Die Menschen
müssen versuchen, sich selbst und die Welt, in die hinein sie geboren wurden,
zu begreifen. Aus grundlegenden, allen Menschen in ähnlicher Art gegebenen,
bio-psycho-sozialen Veranlagungen heraus ergeben sich für jedes menschliche
Einzelwesen Bedürfnisse, für deren Befriedigung jeder selbstständig sorgen
muss, um so zu einer konkret einmaligen, menschlichen Persönlichkeit werden zu
können. 

 Gemeinschaftlich zusammenwirkend gestalten die
Menschen ihre Wege durchs Leben durch ihre ganz spezifische Wirklichkeit. Dabei
gilt es, in organisierter Arbeitsteilung alles mögliche und notwendige
herzustellen und Dienstleistungen füreinander zu erbringen, alles nach Bedarf
auszutauschen und zu verteilen, damit das Geleistete je nach Bedarf verbraucht
werden kann.

 Nur im
Rahmen gesellschaftlicher Entwicklungsvorgänge kann als Bedingung für das
friedliche und gerechte Zusammenleben aller dem in seiner Einmaligkeit existierenden,
konkret Einzelnen  ermöglicht werden,
sich entsprechend seines ihm innewohnenden Potenzials frei zu entfalten.

 Den
Endzwecken des menschlichen Daseins, dem Begreifen der Wirklichkeit, dem
Befriedigen der Bedürfnisse und dem schöpferischen Bewahren der Realitäten entspringen
letztendlich die Motive für jegliches konkret menschliche Tätig – Sein.

 Es gibt
keinen objektiven Grund dafür, dass der tragikomische Geschichtsverlauf der
menschlichen Gesellschaft tragisch zu Ende gehen muß. Die menschliche Komödie
ist menschenmöglich. Das wirkliche Utopia der Menschen erwächst aus der Welt in
uns.

 


ISBN

ISBN-10: 3895147397
ISBN-13: 978-3895147395