Briefe zur Beförderung des Mensch-Seins

Frank Nöthlich
Briefe zur Beförderung des Mensch seins

Zum Projekt


Liebe Mitmenschen! 

Seit 1989 habe ich mich bewusst als Autor auf die Suche nach dem Sinn unseres menschlichen Daseins begeben und meine Gedanken und Erkenntnisse in den Büchern DIE WELT IN UNS, DIE WELT MIT UNS und DIE WELT DURCH UNS zusammengefasst. Ich habe meine Bücher aus eigener Motivation heraus geschrieben und veröffentlicht. 

Mit meinen BRIEFEN ZUR BEFÖRDERUNG DES MENSCH-SEINS möchte ich Sie, liebe Mitmenschen, zum weltweiten Dialog aufrufen.

3 BRIEFE ZUR BEFÖRDERUNG DES MENSCH-SEINS


Liebe Mitmenschen!

 Zu dem uns Menschen Möglichen, kann ich in meinen Büchern immer wieder feststellen:

Uns Menschen ist vieles möglich, wir besitzen Hände zum Arbeiten und zum Streicheln, in unseren Hirnen können wir uns unserer Gefühle gewahr werden, wir können Erkanntes durchdenken und verstehen, unsere Gedanken austauschen und gemeinsam etwas unternehmen. Wir können verändernd wirken.

Wir Menschen müssen um unserer Selbsterhaltung Willen vernehmen, verbrauchen und verändern, wir können bezweifeln und begreifen, begehren und benutzen, beenden und bewahren.

 Ein Mensch kann und muss essen, trinken und atmen, er wächst und entwickelt sich zeitlebens. Auf Grundlage des genetischen Codes und des modifizierenden Einflusses seiner Umwelt wird er zum denkenden und schöpferischen Wesen hin informiert, er kann auf Umweltreize reagieren und sein Leben durch Zeugung und Erziehung von Nachkommen verewigen.

 Im gesellschaftlichen mit- und gegeneinander streben wir nach Anerkennung, spielen um unser Glück und sind neugierig auf das Erleben des nächsten Tages.

 Gleichgültig mit welchen konkret individuellen Merkmalen Menschen ausgestattet sind, sie können in jedem Fall mittels
Sinnesorganen Kontakt zur Umwelt aufnehmen, alle haben sie die ererbten Fähigkeiten, sich im aufrechten Gang fortbewegen, mit ihren Mitmenschen ins Gespräch kommen und im Zusammenwirken von Händen und Hirnen, schöpferisch schaffend für sich sorgen zu können.

 Wir Menschen, sowohl im einzelnen als auch in Gesellschaft, können mit unseren Vorurteilen bewusst umgehen und uns von ihnen befreien. Wir müssen auf dem Weg durchs Leben lernen und versuchen zu erkennen, wo die akzeptablen Grenzen des Tolerierens anders denkender, fühlender und handelnder Menschen liegen und dass es innerhalb dieser Toleranz in jedem Fall eine gemeinsame Basis gibt, menschenwürdig miteinander umzugehen. 

 Jeder Mensch kann und muss sich bilden, sich das ihm gemäße, das von ihm nutzbringend zu bearbeitende zu Eigen machen und nach Vervollkommnung streben. Die Menschheit kann und muss sich, um überleben zu können, als unbedingt notwendigen Teil eines sich entwickelnden Weltganzen begreifen.

 Die unser Mensch-Sein ausmachenden Wesenszüge ermöglichen es uns, all das, was für unser Dasein notwendig ist und alles Mögliche, das uns unsere Wirklichkeit zur Gestaltung eines erfüllten Lebens bietet, zu erkunden und im zwischenmenschlichen Dialog zu sinnvollem Zusammenwirken zu gelangen.

 Dazu möchte ich uns alle mit meinen „Briefen zur Beförderung des Mensch-Seins“ und meinen Büchern aufrufen. 

 Frank Nöthlich

 

Fünfter
Brief zur Beförderung des Mensch-Seins

 

                                                                                                                   
Mühlhausen, den 02.12.2011

 

 Besondere Ereignisse,

 die sich aus dem historischen Geschehen
herausheben sind gewiss von enormer Bedeutung für den Werdegang der Menschheit,
aber ohne die sowohl mühevolle als auch Freude bringende alltägliche
Lebenstätigkeit jedes Einzelnen unmöglich. Dabei ist immer davon auszugehen,
dass jeder Mensch an sich das Leben bejaht, dass jeder glücklich sein und vor
allem sein Leben selbst gestalten will.

 Das motiviert uns Menschen all das zu
unternehmen, das wir für unsere Zufriedenheit brauchen. Sind wir aber dabei
auch immer Gestalter und Übergeber von Nützlichem, Vollkommenerem und vor allem
in seiner Schönheit Bewahrtem des wirklich Wahren unserer Gegenwart?

 Es ist heute, zu Beginn des einundzwanzigsten
Jahrhunderts christlicher Rechnung an der Zeit, überall in der Welt menschenwürdige
Verhältnisse gestalten zu können, die allen und jedem  die Möglichkeit geben, am Vervollkommnen,
Verschönern und Bewahren mitzuwirken.

 Die wissenschaftlich–technische Revolution,
gekennzeichnet durch rasche Entwicklung von Hochtechnologien und deren
massenhaften Einsatz mit der Folge eines tiefgreifenden Wandels in den
Wirtschaftsstrukturen, konstituiert in unserer Gegenwart eine Umbruchsituation,
die uns mit Sicherheit weitere Sternstunden bescheren wird.

 In den Kernprozessen der Wirtschaft bildet
sich ein neuer Produktivkrafttypus heraus, gekennzeichnet vor allem durch die
komplexe industrielle Nutzung von Naturgesetzen in Gestalt der Mikroelektronik,
der Informatik, der Biotechnologien, durch den Einsatz der Lasertechnik und
neuer Werkstoffe und vielem mehr. Schrittweise findet eine zeitliche und
räumliche Entkopplung von Mensch und Maschine statt. Der Mensch löst sich aus
der Einbindung in den Rhythmus der Maschinerie heraus. Sehr häufig sind es
besondere Ereignisse, in denen es zu grandiosen Entdeckungen kommt oder diese
technologisch für die Steigerung der Produktivität nutzbar gemacht werden,
immer müssen dann die sich eröffnenden Möglichkeiten durch die alltäglich zu
leistende Arbeit tausender Menschen verwirklicht werden.

 Solche wesentlichen Veränderungen im
Produktionsprozess und die Steigerung der Produktivität des gesamten, globalen
Wirtschaftsgeschehens eröffnen nahezu unbegrenzte Möglichkeiten für die
Persönlichkeitsentfaltung, für die Überwindung von Unterentwicklung, für wahrhaftig
humanistischem Verhalten entsprechende, zwischenmenschliche Verhältnisse.

 Aber es hängt vom Charakter der Gesellschafts-
und dabei im Besonderen der Produktionsverhältnisse ab, ob diese Chance genutzt
wird oder in ihr Gegenteil umschlägt. Gerade an der Schwelle zu dieser
glücklichen Wende werden die neuen Produktivkräfte vielfach zu
Destruktivkräften pervertiert. Wie auch in der Frage Krieg oder Frieden ist der
Umbruch offen für positiven oder negativen Wandel.

 Denn niemals zuvor war die Marx’sche Einschätzung
so zutreffend für die ganze Wirklichkeit wie heute:  „In unseren Tagen scheint jedes Ding mit
seinem Gegenteil schwanger zu gehen … Die neuen Quellen des Reichtums
verwandeln sich durch einen seltsamen Zauberbann in Quellen der Not.“

 Sie eskalieren zu erdumspannenden
Tötungsmaschinen, gebannt in den Profitmechanismus werden sie als
Rationalisierungstechnologien par excellence genutzt, führen zu chronischer
Massenarbeitslosigkeit, zu deren Druck auf die Beschäftigten, zur Ausgrenzung
ganzer Teile der Bevölkerung aus der Arbeitssphäre auf Lebenszeit, zum Verlust
der Möglichkeiten der Selbstverwirklichung in der Arbeit für Dutzende
Millionen, zu perfektionierten Kontrollapparaten und zur gegenseitigen
Manipulierung mittels neuer elektronischer Medien.

 Besonders eine Frage steht vor allen Völkern,
Staaten und Wirtschaftskonglomeraten, nämlich: Wie können die
gesellschaftlichen Verhältnisse so gestaltet werden, dass der Progress der
Produktivkräfte sozialen Fortschritt für die Menschen statt lastende Bedrohungen
bringt.

 In den letzten Jahren des zwanzigsten
Jahrhunderts vollzogen sich in der Weltgesellschaft sprungartig gewaltige
Umstrukturierungen. Man kann diese durchaus meist als sogenannte „Sternstunden“
der Menschheit bezeichnen, muss aber unbedingt auch bedenken, dass sich „die
neuen Quellen des Reichtums durch einen seltsamen Zauberbann in Quellen der
Not“ verwandeln können.

 In den Staaten des sogenannten „real
existierenden Sozialismus“ gruppiert um die Sowjetunion gingen die Menschen auf
die Straßen und erzwangen radikale Veränderungen hin zu Staatsformen der
bürgerlichen Demokratie und marktwirtschaftlichen Produktionsverhältnissen, in
der Volksrepublik China setzte sich die Gesellschaftsstrategie „ein Staat –
zwei Systeme“ durch und es gab und gibt dort einen welthistorisch einzigartigen
wirtschaftlichen Aufschwung, in Südafrika wurde die Politik der Apartheid
überwunden, in islamisch geprägten Regionen der Erde begann der religiös
fanatische Fundamentalismus übergroßen Einfluss auszuüben.

 

 Im bewussten Bearbeiten natürlicher
Gegebenheiten haben wir Menschen immer geeignetere Energie- und Rohstoffquellen
erschlossen, um damit Gebrauchswerte herzustellen und Leistungen füreinander zu
erbringen. So können alle Bedürfnisse, die sich sowohl aus den biotischen, als
auch den psychosozialen Wesensmerkmalen der Menschen ergeben, immer besser
befriedigt und humanistische Gesellschaftsverhältnisse den jeweiligen Umständen
entsprechend gestaltet werden.

 

 Wissenschaft hat seit je her mehrere
Funktionen erfüllt. Sie wird zur Produktivkraft, wenn sie die Effektivität
menschlicher Tätigkeit, sei sie materiell – gegenständlich oder geistig,
erhöht. Als Fundus von wahren Aussagen, Theorien, Hypothesen oder Modellen, die
die Welt in ihren Teilen oder in ihrem Ganzen interpretieren, von
Handlungsweisungen oder Aufforderungen, die auf die Veränderung des Bestehenden
zielen, sowie von Normungen und Wertungen, die Existierendes oder zu
Erreichendes in Beziehungen zum Menschen setzen, zeigt sich Wissenschaft in ihrer
kulturellen Dimension, als Ausdruck der Herausbildung der produktiven Kräfte
des Menschen, als Resultat seiner schöpferischen Fähigkeiten.

 Wissenschaftsfortschritt als Kulturfortschritt
bedeutet Erweiterung des Erklärungs-, Vorhersage- und Gestaltungspotentials der
Wissenschaft, das durch Bildung weiter gegeben werden kann und muss. Zur
Humankraft wird Wissenschaft dann, wenn sie die Grundlagen für die Schaffung,
Gestaltung und Erhaltung solcher Daseinsbedingungen liefert, die der
Fortexistenz und Weiterentwicklung der Menschheit und des Menschen dienen.

 Humane Daseinsbedingungen sind in zunehmendem
Maße nur durch das aktive Wirken, durch die organisierte und koordinierte
Teilhabe vieler, wenn nicht aller Menschen zu realisieren. In und mit diesem
demokratischen Prozess der gemeinsamen Gegenwartsbewältigung und
Zukunftsgestaltung wachsen nicht nur die Anforderungen an die Berücksichtigung
unterschiedlicher individueller, 
Gruppen-, nationaler und globaler Interessen, sondern auch die Kompetenz
der Beteiligten.

 Wissenschaftsentwicklung begründet und fordert
den weiteren Ausbau der Demokratie, um die schöpferischen Potenzen aller
nutzen, Engagement fördern, Gefahren erkennen, Risiken minimieren sowie
Entscheidungen durch das Zusammenführen der Kompetenz der Betroffenen, der
Entscheider und der Macher fundieren, um Subjektivismus und
Meinungsmonopolisierung zurückdrängen zu können.

 Wissenschaft kann neue Möglichkeiten
erschließen, um Gefahren abzuwenden, alternative Lösungen zu finden und
sozialen Fortschritt zu befördern. Das erfordert aber – den vielfältigen
Erwartungen und Erfahrungen, aber auch den Hoffnungen und Ängsten aller
Betroffenen Rechnung tragend, Humanität und Akzeptanz der Wissenschafts- und
der darauf basierenden Technikentwicklung zu garantieren.

 

 Überaus viele Inhalte im Sinne gesellschafts-
und naturwirklicher Notwendigkeiten gilt es von Natur-, Technik- und
Gesellschaftswissenschaftlern zu durchdenken, zu diskutieren und zu bearbeiten,
um das produktive Potential der Wissenschaft zu erschließen.

 Wirklich sein kann ein Mensch nur, wenn er die
Vielzahl der von ihm lebensnotwendigerweise zu erbringenden Leistungen unter
Verwendung seines Bewusstseins in menschlicher Gemeinschaft erarbeitet,
austauscht, verteilt und nutzt.

 In Ökosystemen geschieht Gleichwertiges durch
Interaktionen zwischen Erzeugern, Verbrauchern und Rückgewinnern, wobei jedes
zum Standort, zum Biotop, zur Biozönose oder zum Lebensraum, also der
jeweiligen mehr oder weniger konkret definierten Sphäre gehörende Lebewesen in Aspekten
seines individuellen Stoff-, Energie- und Informationswechsels sowohl den
Produzenten, als auch den Konsumenten und den Reduzenten zugeordnet werden
kann.

 In solchen Systemen werden Stoffe, Energie und
Informationen produziert, verteilt, ausgetauscht und verbraucht, wodurch die
momentane Existenz und die künftige Entwicklung sowohl der einzelnen als auch
aller Beteiligten in ihrer Gesamtheit ermöglicht wird. Toleranzbereiche
möglichen Existierens des Systems und des in ihm wirkenden Möglichkeitsgefüges
werden durch die natürlichen Gegebenheiten insgesamt bestimmt. Ökosysteme
passen sich spontan an die sie bestimmenden äußeren Bedingungen im Rahmen der
sie bewirkenden und durch sie selbst mitverursachten Auf- und Abbauprozesse an
und bewegen sich erhebend, verkomplizierend und ihre Existenz bewahrend,
solange es eben die vorhandenen äußeren und inneren Bedingungen zulassen.

 Erst das zu Bewusstsein befähigte und zu
Kreativität begabte Wesen Mensch kann die Spontaneität natürlicher
Entwicklungslinien in der Kultur seines Willens aufheben und so das gemäß der
Naturgesetze vorgegebene etwaige Beenden konkreter Raum-Zeit-Kontinuen in
vervollkommnendes Bewahren wandeln.

 

 Wenn wir Menschen es wollen, braucht die
menschliche Komödie nicht tragisch zu enden!

 

 

Frank Nöthlich

Sechster
Brief zur Beförderung des Mensch-Seins

                                                                                                                   
Mühlhausen, den 02.12.2011

Die
Geschichte der Menschheit

 ist wesentlich vom Willen zum Wissen, zur
Macht und zur Arbeit geprägt. Immer geht es im Zusammenleben der Menschen um
die Verhältnismäßigkeit von Recht, Pflicht und Verdienst und um die das
menschliche Handeln seit eh und je bestimmende Leidenschaftlichkeit. Immer
haben wir es mit den großen Äußerungsformen der menschlichen Natur zu tun, mit
dem Ausdruck des Verhältnisses von Identität und Differenz, das wir
untereinander eingehen.

 Heutzutage finden auch ehemals unterdrückte
Leidenschaften relativ freien Ausdruck. Jeder strebt offen nach Macht und
drückt damit seinen Stolz und seine Eitelkeit aus, während das „Immer-mehr“
seine Differenzen zu den anderen, die dasselbe tun, unterstreicht. Ebenso
verhält es sich mit dem Geld. Jeder will welches, will nach Möglichkeit immer mehr
davon, als könnte er dadurch seinen eigenen Wert vorweisen. Was die Erkenntnis
und ihre Früchte betrifft, so ist diese letztlich eine Metamorphose des
Begehrens, seine Verwandlung in reines Wissen. Die Leidenschaftlichkeit der
Menschen kann sowohl in bewahren oder beenden, in begreifen oder erraten, in
befriedigen oder bemängeln münden.

 

 „Freude trinken alle Wesen an den Brüsten der
Natur, alle Guten, alle Bösen folgen ihrer Rosenspur. Küsse gab sie uns und
Reben, einen Freund, geprüft im Tod, Wollust ward dem Wurm gegeben, und der
Cherub steht vor Gott.“

 Mit diesen Versen seiner „Ode an die Freude“
sagt uns Friedrich Schiller, woran Menschen Freude haben können und auch in
einer Strophe vorher, beschreibt er, was uns Menschen Freude bereiten kann:

 „Wem der große Wurf gelungen eines Freundes
Freund zu sein, wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein! Ja – wer
auch nur eine Seele sein nennt auf dem Erdenrund! Und wer’s nie gekonnt, der
stehle weinend sich aus diesem Bund!“

 Ihre biotisch-körperliche Wohnung ermöglicht
der Menschenseele das Fühlen und Erkennen, um somit den Menschen zu
ermöglichen, die Wirklichkeit bearbeiten und sich auf die Suche nach Wahrheit
begeben zu können. Neugieriges Suchen und die Befriedigung allen menschlichen
Verlangens sind nur durch Arbeiten möglich.

 Selbstbewusstsein ist erkannte Seligkeit,
vernünftiges Wollen, der Wille sich freudig zu plagen, ergibt sich daraus:
„Freude heißt die starke Feder in der ewigen Natur. Freude, Freude treibt die
Räder in der großen Weltenuhr“, ob Friedrich Schiller böse wäre, würde man sein
von Ludwig van Beethoven so einzigartig vertontes Gedicht als  ”Ode an die Schöpfungswonnen”
bezeichnen? 

 Schöpfung ist begreifen, befriedigen und
bewahren in einem, ist die Substanz der Freude. Nur das menschliche Bewusstsein
kennt das Substantiv Freude, es erfasst die Erkenntnis selig machender
Sachverhalte und die wonnigen Empfindungen darum.

 

 Große Kunst bedeutet nicht nur, brillante
Techniken, gelungene Kompositionen oder bahnbrechende Theorien zu entwickeln.
Was große Kunst ausmacht, ist etwas, das die Seele bewegt und die Phantasie des
Betrachters anregt, sie stellt Verbindungen zwischen dem Universum in und dem
um uns Menschen her.

 Sowohl die religiös gläubigen als auch die
nach überprüfbarem Wissen strebenden, wie überhaupt alle schöpferisch wirkenden
Menschen, arbeiten am Bau des Mensch-Seins, jeder sucht auf seine Weise.

 Die urwüchsigste Form der Kommunikation
zwischen Immanenz und Transzendenz geschieht im religiösen Bewusstsein der
Menschen.

 Von
uralten Naturreligionen des langsam erwachenden menschlichen Selbstbewusstseins
über das zum modernen, subtile Bereiche der Selbsterkenntnis erfassenden,
religiösen Denkens und Fühlens bis hin zum Begreifen der Natürlichkeit des
offenbaren Seins zeigt sich für das Mensch-Sein die Notwendigkeit, ausgehend
vom Glauben an das zunächst Unerklärliche zum Erkennen des wirklich Wahren zu
gelangen, also von unmittelbar sinnlich wahrnehmbaren Gegebenheiten und
Vorgängen immanenter Wirklichkeit in die Sphären omnipotent wahrhaftiger
Möglichkeiten des bis dahin Unvorstellbaren, Transzendenten vorzudringen.

 Kult und Kunst lassen uns unsere immanent
materielle Wirklichkeit erfahren und unsere transzendente Herkunft erahnen.
Mittels Erfahrung und Wissenserwerb, Erlernen und Befähigen ist es uns Menschen
möglich, Erkanntes und Erahntes zu überprüfen, es zu beeinflussen und es zu
verwenden.

 Es sind
die Fragen des Alltags, die uns Menschen auf der Suche nach Antworten und
Lösungswegen zum Handeln motivieren, die uns zu konkreten Taten schreiten
lassen. Im täglichen Bemühen wollen wir Hoffnungen entsprechen und Ängste
überwinden.

 Wir Menschen wollen in freudevollem
Miteinander, erträglichem Gegeneinander und wohlwollendem Füreinander leben und
können so nur überleben.

 Jeder Mensch kann in seinem Hirn Informationen
speichern, Erkenntnisse denkend und empfindend verarbeiten und
Schlussfolgerungen für sein Handeln ziehen, das er eigenwillig und
eigenverantwortlich auszuführen vermag. Wir Menschen haben eine Seele und wir
haben Geist.

 

 In alles umfassender Wahrheit ruht die
Information darüber, wie eine Wirklichkeit, also auch die menschliche,
entstehen kann. Jeder Mensch muss sich als ein zum Weltganzen gehörendes,
einmaliges Selbst erkennen, um sich für den Weg durchs Leben seine eigenen
Entwürfe machen und diese am dafür geeigneten Platz in Gesellschaft mit
Gleichgesinnten bearbeiten zu können.

 So gestalten wir alle die Geschichte der
Menschheit, denn sie ist die Hinterlassenschaft des Alltagsgeschehens.

 Nur wir Menschen können Vervollkommnung und
Schönheit erstreben und das wahrnehmbare Sein bewahren. Eine Welt, in der das
Glück des Einzelnen die Voraussetzung für das Glücklich sein aller ist, müssen
wir Menschen aber zuerst in uns selbst finden, um uns dementsprechend in der
uns wahrhaftig gegebenen und ermöglichenden Wirklichkeit einen würdigen
Wohnsitz errichten zu können.

 

 Sicherlich kann der einzelne Einsichtige keine
spektakulären, alles revolutionierende Veränderungen herbeiführen, aber Kunst,
Kult und Wissenschaft lehren uns Menschen, dass wir vernunftbegabte Lebewesen
und durchaus in der Lage sind, unser Leben mittels Verstand und auf der
Grundlage unserer Lebenserfahrungen entsprechend solcher Werte wie
Gemeinschaftssinn, Verantwortung für die Umwelt, Achtung vor dem Leben oder
streben nach nützlich verwertbaren Erkenntnissen zu gestalten.

 

 

Frank Nöthlich

 

 

Siebter
Brief zur Beförderung des Mensch-Seins

                                                                                                    
Mühlhausen, den 03.12.2011

 

 Uns Menschen ist die Pflicht

auferlegt kreativ zu sein,
denn unsere Bestimmung, die uns unser Lebenswille auferlegt, ist es, die sich
zufallsnotwendig ereignende, natürliche Wirklichkeit in unserer bewusst und
vernünftig gestalteten, Vervollkommnung und Schönheit erstrebenden, kulturellen
Wirklichkeit aufzuheben und so das Sein in seiner Ganzheit zu bewahren.

 Eben darum müssen jedem Menschen all die
Rechte zugestanden werden, durch deren Inanspruchnahme wir unsere wesenseigenen
Bedürfnisse befriedigen, uns immer besser zu kreativem Wirken befähigen und so
unsere Pflichten erfüllen können. Kultur, Kunst, Wissenschaft, Technik, Wirtschaft,
Landwirtschaft, Politik – unser alltägliches Zusammenwirken also – sind
Bewegungs- und Betätigungsfelder menschlicher Kreativität.

 

Unser Leben ist ein immer
währendes untersuchen und beeinflussen der Wirklichkeit sowie suchen nach und
begreifen von Wahrheiten. Solange wir leben, versuchen wir, unser Dasein zu
verlängern und die uns gegebenen Möglichkeiten auszuschöpfen. 

 So entwickelt sich ein Jeder zur
Persönlichkeit und nimmt seine menschliche Gestalt an. Für sich allein aber
kann das kein Einzelner bewältigen, wir alle brauchen Hilfe, Anleitung,
Freundschaft und Liebe. Und wir brauchen Gerechtigkeit.

 

 Auf der Suche nach Gerechtigkeit muss der
Blick immer in Richtung der Endlichkeit eines Menschenlebens gehen.
Gerechtigkeit für den Einzelnen, kann nur im Verhältnis zu seiner Einmaligkeit
gewertet werden. Wie es einem Menschen möglich ist, sein Handeln eigenwillig
bestimmen zu können, zeigt, ob ihm Gerechtigkeit widerfährt, was er
eigenverantwortlich tut, gibt Auskunft darüber, ob er sie übt.

 Es ist nicht leicht, Recht und Unrecht im
Wechselspiel geschichtlicher Ereignisse zu erkennen und zu unterscheiden. Das
Suchen nach Gerechtigkeit ist jedoch immer wieder historisch belegt und hat das
Bewusstsein der Menschen maßgeblich beeinflusst. Besonders die Art und Weise
des Umgangs mit Eigentum und vermeintlichem Besitz schafft Differenzierungen
zwischen den Menschen, die wahrer Gerechtigkeit nicht entsprechen.

 

Sowohl diktatorische als
auch demokratische Prinzipien bei der Gestaltung des Zusammenlebens der
Menschen in einem Gemeinwesen bewirken 
Positives oder Negatives. Da es in der Politik immer um die Durchsetzung
von Interessen oder deren Ausgleich geht, muss es in jedem Fall, um
wahrhaftiger Gerechtigkeit möglichst nahe zu kommen, darum gehen, ob durch die
endgültige Entscheidung ein von allen Beteiligten anerkannter und
allgemeingültiger Nutzen stimuliert werden kann.

 Der Mensch ist ein biotisch, psychisch und
sozial determiniertes Wesen. Er konnte sich nur als an
Energie–Teilchen-dualistisch funktionierende Strukturen gebundenes, als
gesellschaftlich interagierendes, sowie als die objektive Realität bewusst
reflektierendes und diese willentlich beeinflussendes Wesen aus dem Reich der
sich spontan entwickelnden Natur herausprozessieren, um schließlich zum
bewussten Gestalter seiner Kulturen werden zu können.

 Dieses Gebundensein an objektiv wirkende
Gesetzmäßigkeiten kann nicht willkürlich beeinflusst werden, aber mit unseren
Wesensmerkmalen ausgestattet, können wir Menschen die Evolution unserer
Wirklichkeit von Kulturstufe zu Kulturstufe bewusst moderieren und gelangen
dadurch zu immer höherem Selbstbewusstsein.

 Die Triebkräfte und Handlungsmotive zu unseren
alltäglichen Aktivitäten ergeben sich aus den lebensnotwendigen
natürlich-ökologischen und gesellschaftlich-wirtschaftlichen Stoff-, Energie-
und Informationskreisläufen. Dabei müssen durch unser wirtschaftliches,
politisches und kulturelles Tätigsein die Widersprüche gelöst werden, die durch
die notwendige Integration der konkret Einzelnen in die gesellschaftliche und
natürliche Wirklichkeit einerseits und der, einer wahrhaftigen
Selbstverwirklichung entsprechenden Emanzipation eines jeden aus den uns
bestimmenden Gegebenheiten andererseits entstehen.

 Das Eingebundensein der Menschen, also
objektiven Gesetzmäßigkeiten entsprechen zu müssen, setzt sich stets als
bestimmende Forderung, als kategorischer Imperativ, innerhalb eines
Gemeinwesens diktatorisch durch, die bewusste Freiwilligkeit der konkret
einzelnen und einmaligen Individuen basiert auf dem bezweifelnden Hinterfragen,
dem skeptischen Konjunktiv, sie muss innerhalb eines Gemeinwesens demokratisch
errungen werden.

 

 Die Lösung der Probleme, die sich aus dem
kapitalistischen Wirtschaften im Destruktivstadium ergeben, kann nur durch
bewusstes Umgestalten der Produktionsverhältnisse, also durch politisches
Handeln erfolgen, in dem nach dem Begreifen der Notwendigkeiten gesucht, das
Befriedigen wahrhaftiger Bedürfnisse erstrebt und das Bewahren der Wirklichkeit
gewollt werden.

 Den Stand der Entwicklung der
gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen die Menschen gegenwärtig
existieren, progressiv bewertend kann festgestellt werden: Wenn durch die
ständige Weiterentwicklung der Produktivkräfte erreicht wird, dass
Energiequellen entsprechend des Bedarfs aller erschlossen werden und wenn sehr
lange gebrauchsfähige, qualitativ hochwertige Materialien und zur kausalen
Problemlösung geeignete Wirkstoffe für jeden zur Verfügung gestellt werden
können, ist profitorientiertes Wirtschaften nicht mehr notwendig, braucht die
Gier nach geldwertem Profit nicht mehr die treibende Kraft der
gesellschaftlichen Bewegungen zu sein. 

 Es müssen Produktionsverhältnisse gestaltet
werden, die das Erstreben befriedigender und bewahrender Nützlichkeit als
treibendes Handlungsmotiv der Menschen ermöglichen. Das Produzieren, Verteilen,
Austauschen und Konsumieren muss sowohl befriedigend für jeden einzelnen sein,
als auch im Einklang mit dem notwendigerweise zu erhaltenden Stoff-, Energie-
und Informationswechsel der gesamten Wirklichkeit geschehen.

 So, wie das zwischen dem geldwerten Aufladen
des Kapitals und dessen Entladung, also der Kapitalakkumulation stimulierte
Wirtschaften die Beschränkungen feudaler Besitzstrukturen überwinden, die
Position der darin erstarrten Naturalwirtschaft verlassen, also die feudalen
Produktionsverhältnisse beseitigen, negieren musste, um unter neuen
gesellschaftlichen Verhältnissen die Produktivkräfte in vorher nicht zu
erahnenden Ausmaßen zu dynamisieren und die Menschen auf eine weitaus höhere
Kulturstufe zu heben, muss heute diese zur kapitalistischen Position gewordene
Negation feudalistischen Wirtschaftens neuerlich negiert, also zu neuen
Gesellschaftsverhältnissen erhoben werden. Es gilt nun zur Lösung der
anstehenden, weltweit sehr verschieden erscheinenden aber auf den gleichen
Ursachen beruhenden sozialen und ökologischen Problemen zu schreiten und die
nächst höhere Entwicklung der Produktivkräfte in der dem Menschen und der Natur
notwendigen Weise zu ermöglichen.

 Nur auf Gerechtigkeit gerichtete
Lebensverhältnisse können im Sinne der Menschlichkeit leistungsmotivierend
wirken.

Die Menschen beginnen zu
erkennen, dass nicht nach geldwertem Vorteil und Profit gegiert werden muss,
sondern es erstrebenswert ist, selbst- und verantwortungsbewusst das für Mensch
und Natur Nützliche zu erarbeiten. Dazu bedarf es klarer Vorstellungen, wie es
denn anders, besser gehen könnte und dem daher kommenden, politisch
formulierten und demokratisch umgesetzten Willen der Menschen zu Veränderungen
in diesem Sinn.

 

 Um der Menschheit die weitere Gestaltung und
den Fortbestand ihrer Kulturen, also die bewusste, auf Nützlichkeit orientierte
und das Mensch–Sein bewahrende Einflussnahme auf ihre gesamte Wirklichkeit zu
ermöglichen, ist es unumgänglich, dass sich die mit immer mehr Restriktionen
auf die Bevölkerungen wirkenden und zu Überholendes konservierenden
Staatsapparate zu dienstleistenden Verwaltungsorganen entwickeln, die alle die
zwischenmenschlichen Beziehungen bedingenden Stoff-, Energie- und
Informationsflüsse besonders in den unmittelbaren, kommunalen Bereichen durch
ihre Tätigkeit stimulieren. Steuern und Abgaben müssen dort, wo sie erarbeitet
auch für das Nützliche investiert, für soziale Gerechtigkeit eingesetzt und für
kulturelle Bedürfnisse der Einzahlenden ausgegeben werden.

 

 Kreditinstitute müssen künftig ihre Darlehen
zielgerichtet, mit moderaten und jeweils entsprechend stimulierenden Zins- und
Tilgungsraten an in erster Linie auf Nützlichkeit und mit dieser auf Gewinn
orientierte produktive Betriebswirtschaften und Dienstleistungsunternehmen, wie
kulturelle Einrichtungen, Bildungsstätten, Krankenhäuser, Pflegeheime oder
Forschungsinstitute,  vergeben, um so mit
Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein tätige und dadurch legitimierte
Eigentümer von Produktionsmitteln zu unterstützen, deren Wirken überhaupt erst
zu ermöglichen.

 

 Energiebereitstellung muss weltweit für alle
Menschen demokratisch stimuliert, gewährleistet, verantwortet und kontrolliert
werden, die dazu und die zur Gewinnung von Stoffen, Materialien und Wirkstoffen
notwendigen natürlichen Ressourcen müssen zu garantiertem Eigentum der
Menschheit als ganzes werden.

 

Die großtechnische
Verarbeitung von Rohstoffen zu hochwertigen Materialien oder Bauelementen muss
künftig in ebenfalls weltweit demokratisch zur Produktion stimulierten und
kontrollierten, vollautomatischen Betrieben an den geeignetsten Standorten
geschehen, damit sie von den Menschen für ihr konkretes zwischenmenschliches
Tätig- und Nützlichsein, die von Mensch zu Mensch, von Menschen für Menschen zu
leistende Arbeit verwendet werden können.

 Grundlagen- und angewandte Forschung muss
künftig in gesamtgesellschaftlicher, demokratisch kontrollierter Verantwortung
geleistet und deren Ergebnisse ebenso verwertet werden. Das daraus
hervorgehende Wissen muss allen Menschen zugänglich sein.

 Bildung und Erziehung muss in ihren
Zielstellungen darauf gerichtet sein, dass jeder Mensch seine Begabungen und
Talente erkennen und den auf deren Grundlage entstehenden Neigungen im
Lernprozess nachgehen kann und er dementsprechend zu seinem
eigenverantwortlichen Tätigsein befähigt wird.

Jedem Menschen muss es künftig
möglich sein, mittels des von ihm selbst erarbeiteten Gewinns im Prozess seines
konkret ihm möglichen Tätigseins und entsprechend seiner weltanschaulichen und
ästhetischen Bedürfnisse und Vorstellungen sein Leben zu genießen.

 Damit wir Menschen künftig sowohl für unseren
Lebensgenuss, als auch das Bewahren unserer Wirklichkeit, unserer
Natürlichkeit, unserer Gesellschaftlichkeit, das Mensch–Sein überhaupt wirken
und dabei wahrhaftig aus dem Vollen schöpfen können, ist keine blutig
verlaufende Revolution, sind keine Grausamkeiten gegenüber und Ausgrenzungen
von Menschen erforderlich. Mit unserem Verstand können wir das jeweils
notwendigerweise Erforderliche begreifen und das dementsprechend Mögliche zur
Umgestaltung unserer Lebensverhältnisse erkennen. Aus dieser Erkenntnis kann
und wird der Wille zur Veränderung erwachsen.

 

Wir sind die Menschen, wir
alle. Wir brauchen den weltweiten Dialog und weltweites Zusammenwirken, um uns
auf der Erde einen würdigen und schönen Wohnsitz zu errichten.

 

Helfen wir uns selbst!

 

Frank Nöthlich


3 MÜHLHÄUSER BRIEFE 2012

 

                                                                                                                      Mühlhäuser Brief, Juni 2012

Brief
an alle Fassungslosen, nicht nur die Menschen in Norwegen

 

„Der Schoß
ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“

 

 Am Tag nach dem Massaker konnte und wollte man das Geschehene einfach
nicht fassen. Nicht nur die Menschen in Norwegen standen unter Schock.  Der Killer A. Breivik aber, er hatte die
vergangene Nacht bereits im Gefängnis verbracht, war in seinem ersten Verhör
nur um eines besorgt: Er wollte gut aussehen!

 Kommissar Geir Egil
Løken, einer der drei Breivik-Verhörleiter, der mit diesem ca. 70 Stunden bei
Verhören verbrachte, trat am 28. Tag der Gerichtsverhandlung in den Zeugenstand.
„Man hatte ihm seine Kleidung für kriminaltechnische Untersuchungen
abgenommen“, berichtete der Kommissar über das erste Verhör des Anders Behring
Breivik nach dem Attentat. Dieser habe deshalb unter anderem ein geliehenes
T-Shirt und Gefängnisschuhe getragen und er habe gefragt, „ob die
Zeitungen Fotos von diesem Verhör bekommen würden. Dann schaute er sich im
Spiegel an, richtete seine Haare und sagte, dass er sich auf keinen Fall in
diesen Schuhen der Öffentlichkeit zeigen will.“

 Professor Tore Bjørgo, Forscher an der Osloer
Polizeihochschule, sagte vor Gericht: „Für mich ist Breivik ein extremer
Rechtsradikaler.“
Und auch nach Aussagen weiterer Sachverständiger sind Breiviks
Ideologien rein rechtsradikal und teilweise mit denen der „SS“ vergleichbar.

 Was soll man von einem solchen Verbrecher
halten, muss er rechtskräftig verurteilt oder muss ihm die Schuldfähigkeit
aberkannt werden?

„Es
existieren zwei forensisch-psychiatrische Gutachten mit unterschiedlichen
Ergebnissen bezüglich der Schuldfähigkeit des A. Breivik. Das erste bescheinigt
dem Angeklagten Schuldunfähigkeit aufgrund einer psychotischen Erkrankung, der
paranoid – halluzinatorischen Schizophrenie, im Sinne des § 20 StGB nach
deutschem Recht. Danach würde er nicht inhaftiert, sondern in einer
psychiatrischen Einrichtung auf unbestimmte Zeit lebenslang, in seinem Fall
sicher wirklich und nicht im juristischen Sinn, unter freiheitsentziehenden
Maßnahnamen therapiert“, stellt Dr. Axel Seeländer, Facharzt für Neurologie und
Psychiatrie zum Fall Breivik fest. Da „para nous“ als „neben dem Verstand“
übersetzt werden könne, sei diese Konstellation in der krankheitsbedingt
„verrückten“ Selbst- und Realitätswahrnehmung die größte Strafe für den
Beschuldigten. Breiviks Weltbild würde, da er keine Krankheitseinsicht zu haben
scheine, für ihn völlig zusammenbrechen und seine Tat „umsonst“ sein. Breivik
müsse sich so als  „den größten Versager“
wahrnehmen, denn keiner würde ihn akzeptieren.

 Das zweite Gutachten entspreche eher den
Vorstellungen des beschuldigten Massenmörders, da er nun im Mittelpunkt der
Weltöffentlichkeit stehe und seine, sicher doch krankheitsbedingten Tatmotive
einer interessierten Öffentlichkeit präsentieren und sich als „Held“ sehen
könne. Zum Schluss stellt Dr. Seeländer fest: „Letztendlich wird A. Breivik,
egal welcher forensisch – psychiatrischen Einschätzung das Gericht folgt, nie
wieder selbstbestimmt in Freiheit leben können. Der Unterschied wird nur darin
bestehen, ob er sein weiteres Leben im Gefängnis mit anschließender Sicherheitsverwahrung
oder gänzlich in einer Therapieeinrichtung verbringen muss.“ Den
Prozessbevollmächtigten sei es bisher gut gelungen die mediale Sensationsgier
zu begrenzen, man unterschätze also nicht die weltweite Gefahr von Folgetaten.

 Das Weltbild Breiviks wäre also nach dem
ersten psychiatrischen Gutachten „verrückt“, von der Realität in ein Zerrbild.
Woher aber kommt diese Pseudowelt, in der Breivik offensichtlich lebt?

 Besonders während und nach Schreckenszeiten,
wie der faschistischen in Deutschland, ist es notwendig, wachsam zu sein. So
mahnte Bertold Brecht in seinem ARTURO UI, dessen AUFHALTSAMEN AUFSTIEG er im
vom Gangstertum geplagten Chicago spielen lässt, vor solchen immer und überall
unter entsprechenden Bedingungen auftauchenden Ungeheuern wie Adolf Hitler, der
sich zum „Führer“ berufen glaubte: “Ihr aber lernet, wie man sieht statt stiert
und handelt statt zu reden noch und noch. So was hätt einmal fast die Welt
regiert! Die Völker wurden seiner Herr, jedoch, dass keiner uns zu früh da triumphiert.
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!”

 Rudolf Lang heißt der Erzähler seiner
Lebensgeschichte in Robert Merls Roman DER TOD IST MEIN BERUF, in dem der Autor
der Psyche von unmittelbaren Mittätern am Holocaust nachspürt.

 Merle schreibt zu seinem Roman selbst. “Rudolf
Lang hat existiert. Er hieß in Wirklichkeit Rudolf Höß und war Lagerkommandant
von Auschwitz.“ Zu des Unmenschen psychischen Wesenszügen stellt Merle fest,
man möge „sich nicht täuschen: Rudolf Lang war kein Sadist. Der Sadismus
wucherte in den Todeslagern, aber auf der unteren Ebene. Weiter oben“ sei „eine
ganz andere psychische Ausrüstung vonnöten“ gewesen. Es habe „unter der
Naziherrschaft Hunderte, Tausende Rudolf Langs gegeben, moralisch innerhalb der
Immoralität, gewissenhaft ohne Gewissen.“ Und schließlich bemerkt Robert Merle
zu solchen Tätern wie Lang/Höß, „alles, was Rudolf Lang“ getan habe, habe er
„nicht aus Grausamkeit, sondern im Namen des kategorischen Imperativs, aus
Treue zum Führer, aus Respekt vor dem Staat“ getan und das, „mit einem Wort,
als Mann der Pflicht“ worin er „gerade … ein Ungeheuer” gewesen sei.

 Werden wir Menschen je in der Lage sein, die
Ursachen für solche Perversionen nicht nur zu erkennen, sondern sie auch
endlich zu beseitigen?

 Voltaire jedenfalls hatte den Glauben, dass
wir Menschen schon von Natur aus genügend ausgerüstet sind, unsere Wirklichkeit
zu verändern, sie zu vervollkommnen und sie letztlich in ihrer Schönheit zu
erhalten, um so auch weiteren Menschengenerationen das Mensch-Sein zu
ermöglichen.

 Er schreibt in seinem PHILOSOPHISCHEN
WÖRTERBUCH unter dem Stichwort „Gewissen“: … “Ein kleiner Wilder, der hungrig
ist und dem sein Vater ein Stück von einem anderen Wilden zu essen gegeben hat,
verlangt am nächsten Tage mehr davon, ohne auf den Gedanken zu kommen, dass man
seinen Mitmenschen nicht anders behandeln darf, als man selbst behandelt werden
möchte. Automatisch und hemmungslos tut er genau das Gegenteil von dem, was
diese ewige Wahrheit lehrt.“ Aber „die Natur“, so Voltaire weiter, „hat
Vorsorge getroffen gegen diese abscheulichen Dinge; sie hat dem Menschen die
Neigung zum Mitleid verliehen und die Fähigkeit, die Wahrheit zu begreifen.“
Diese seien „Gaben Gottes“ und “Grundlagen der menschlichen Gesellschaft.“ Eben
darum komme „es, dass es immer nur wenige Menschenfresser gegeben“ habe, und so
werde „das Leben unter zivilisierten Völkern einigermaßen erträglich. Die Väter
und die Mütter“ ließen „ihren Kindern eine Erziehung angedeihen, die sie bald
zu geselligen Menschen“ machen und durch die „sie ein Gewissen“ bekämen.

 

Mühlhäuser Brief, Juni 2012

Brief
an alle Abhängigen, nicht nur die Menschen in Griechenland

 

 Wir Menschen können unser Dasein bewerten und
dementsprechend unserem Wirken einen Sinn geben, wir Menschen können nach den
Notwendigkeiten für unser Handeln fragen und nach den Möglichkeiten unseres
Wirkens suchen. Mensch zu sein bedeutet für uns alle, die uns ermöglichende
Wirklichkeit vernehmen, erkennen und begreifen zu müssen, um sie verändern,
erschließen und bewahren zu können und um sie zu unserer Zufriedenheit
benutzen, verbrauchen, also erleben zu dürfen. Bildung, Arbeit und Eigentum in
der rechten Art und Weise zum Begreifen der Wirklichkeit zur Befriedigung der
Bedürfnisse und zum Bewahren des Seins benutzt und eingesetzt sind die
tragenden Säulen gerechter Gesellschaftsverhältnisse.

 Besondere Ereignisse, die sich aus dem
historischen Geschehen herausheben sind von enormer Bedeutung für den Werdegang
der Gesellschaft. Manches bringt uns allen sofort den Fortschritt, sehr häufig
jedoch muss zuerst Überholtes überwunden werden. Aber ohne die sowohl mühevolle
als auch Freude bringende alltägliche Lebenstätigkeit jedes Einzelnen ist das
Eine wie das Andere unmöglich. Dabei ist immer davon auszugehen, dass jeder
Mensch an sich das Leben bejaht und dass jeder sein Leben selbst gestalten
will. Das motiviert uns all das zu unternehmen, das wir für unsere
Zufriedenheit brauchen. Und dabei müssen wir uns immer fragen, ob wir bei allen
unseren Unternehmungen Gestalter und Übergeber von Nützlichem, Vollkommenerem
und in seiner Schönheit Bewahrtem sind.

 Es ist heute durchaus möglich, überall in der
Welt menschenwürdige Verhältnisse gestalten zu können. Die
wissenschaftlich–technische Revolution, gekennzeichnet durch rasche Entwicklung
von Hochtechnologien und deren massenhaften Einsatz mit der Folge eines
tiefgreifenden Wandels in den Wirtschaftsstrukturen, konstituiert in unserer
Gegenwart eine Umbruchsituation. In den Kernprozessen der Wirtschaft bildet
sich ein neuer Produktivkrafttypus heraus, gekennzeichnet vor allem durch die
komplexe industrielle Nutzung von Naturgesetzen in Gestalt der Mikroelektronik,
der Informatik, der Biotechnologien, durch den Einsatz der Lasertechnik sowie
neuer Werk- und Wirkstoffe und vielem mehr. Schrittweise findet eine zeitliche
und räumliche Entkopplung von Mensch und Maschine statt. Solche wesentlichen
Veränderungen im Produktionsprozess und die Steigerung der Produktivität des
gesamten, globalen Wirtschaftsgeschehens eröffnen nahezu unbegrenzte
Möglichkeiten für die Persönlichkeitsentfaltung, für die Überwindung von
Unterentwicklung, für wahrhaftig humanistischem Verhalten entsprechende,
zwischenmenschliche Verhältnisse.

 Aber es hängt vom Charakter der Gesellschafts-
und dabei im Besonderen der Produktionsverhältnisse ab ob diese Chance genutzt
wird oder in ihr Gegenteil umschlägt. Da in unserer Gegenwart an erster Stelle
das Streben nach geldwertem Vorteil und nur als Mittel zu diesem Zweck die
Nützlichkeit des zu Leistenden die hauptsächliche Motivation aller
wirtschaftlichen Unternehmungen ist, werden gerade an der Schwelle zu einer
glücklichen Wende die neuen Produktivkräfte vielfach zu Destruktivkräften
pervertiert. Was einerseits zu Wohlstand und anspruchsvoller Lebensqualität
führen kann, bringt andererseits Not und Zerstörung mit sich. Die neuen
Produktivkräfte eskalieren zu erdumspannenden Tötungsmaschinen, gebannt in den
Profitmechanismus werden sie als Rationalisierungstechnologien par excellence
genutzt, führen zu chronischer Massenarbeitslosigkeit, zu deren Druck auf die
Beschäftigten, zur Ausgrenzung ganzer Teile der Bevölkerung aus der
Arbeitssphäre auf Lebenszeit, zum Verlust der Möglichkeiten der
Selbstverwirklichung in der Arbeit für Dutzende Millionen, zu perfektionierten
Kontrollapparaten und zur gegenseitigen Manipulierung mittels neuer
elektronischer Medien.

 Besonders eine Frage steht vor allen Völkern,
Staaten und Wirtschaftskonglomeraten, nämlich: Wie können die
gesellschaftlichen Verhältnisse so gestaltet werden, dass der Progress der
Produktivkräfte sozialen Fortschritt für die Menschen und stabile ökologische
Gleichgewichte für unseren Heimatplaneten bringen. Überaus viele Inhalte im
Sinne gesellschafts- und naturwirklicher Notwendigkeiten gilt es von uns allen
zu durchdenken, zu diskutieren und zu bearbeiten, um das produktive Potential
der Weltgesellschaft zu erschließen. Wirklich sein kann ein Mensch nur, wenn er
die Vielzahl der von ihm lebensnotwendigerweise zu erbringenden Leistungen
unter Verwendung seines Bewusstseins in menschlicher Gemeinschaft erarbeitet,
austauscht, verteilt und nutzt. Unser Bewusstsein befähigt uns zu Kreativität,
mit der wir Menschen die Spontaneität natürlicher Entwicklungslinien in der
Kultur unseres Willens aufheben können.

 

Mühlhäuser Brief, Juni 2012

Brief an alle vom Hass Bedrohten

 

 „Die Sprache des Dritten Reiches
hat aus neuen Bedürfnissen heraus der distanzierenden Vorsilbe     ‚ent-` einigen Zuwachs zuteil werden
lassen. … Fenster mussten vor der Fliegergefahr verdunkelt werden und so habe
sich „die tägliche Arbeit des Entdunkelns“ ergeben. „Hausböden durften bei
Dachbränden den Löschenden kein Gerümpel in den Weg stellen, sie wurden
entrümpelt“, und in Ermangelung ausreichender Mengen höherwertiger
Nahrungsmittel, „wurde die Rosskastanie … entbittert“. Schließlich und
folgerichtig habe man zur umfassenden Bezeichnung für die notwendigste Aufgabe
nach der Herrschaft der Hitlerdiktatur, da Deutschland am „Nazismus fast
zugrunde gegangen“ sei, die „analog gebildete Wortform ‚Entnazifizierung‘
allgemein eingeführt“, stellt der Philologe Victor Klemperer in seinem Tagebuch
fest und weiter: „Ich wünsche nicht und glaube auch nicht, dass das scheußliche
Wort ein dauerndes Leben behält; es wird versinken und nur noch ein
geschichtliches Dasein führen, sobald seine Gegenwartspflicht erfüllt ist.“

  Auch „Gleichschaltung“ ist ein
Begriff der während der Naziherrschaft missbraucht wurde. Er wurde erstmals in
dem „Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Dritten Reich“ vom
31.03.1933 für einen politischen Tatbestand verwandt. Dieser Begriff wurde zum
Terminus technicus für die gewaltsame „Ausrichtung“ allen Denkens und Handelns
auf die verbrecherischen Ziele der Hitlerpartei. Und auch eine immer wieder ins
Feld geführte Chimäre war das „gesunde Volksempfinden“, wenn es galt,
Terrorurteile gegen Widerstandskämpfer und Morderlasse gegen andersrassige
Bürger oder „geistig minderwertige“ Kranke zu verschleiern. Die Wendung fand
sogar Eingang in die juristische Sprache. „Bestraft wird, wer eine Tat begeht,
die das Gesetz für strafbar erklärt oder nach dem Grundgedanken eines
Strafgesetzes oder nach dem gesunden Volksempfinden Bestrafung verdient“, heißt
es in der Novelle zum §2 des Strafgesetzbuches vom 28.06.1935. Solche und
ähnliche Gesetzesformulierungen machen es möglich, dass Zivilcourage  oder Loyalität, also durchaus moralische
Verhaltensgebote,  im Rahmen  unmoralischer Verhältnisse zu unethischen
Handlungsweisen werden können.

 Das Kürzel LTI für – Lingua Tertii
Imperii (Sprache des dritten Reiches) – ist der Titel seines  „schwierigsten Buches“, wie der
jüdisch-deutsche Philologe Victor Klemperer selbst meinte, unter dem er seine
während der zwölf Jahre faschistischen Staatsterrors in Deutschland
entstandenen Aufzeichnungen herausgab. Es 
„war in diesen Jahren immer wieder meine Balancierstange, ohne die ich
hundert mal abgestürzt wäre. In den Stunden des Ekels und der
Hoffnungslosigkeit, in der endlosen Öde mechanischster Fabrikarbeit, an Kranken-
und Sterbebetten, an Gräbern, in eigener Bedrängnis, in Momenten äußerster
Schmach, bei physisch versagendem Herzen – immer half mir diese Forderung an
mich selber: beobachte, studiere, präge dir ein, was geschieht – morgen sieht
es schon anders aus, morgen fühlst du es schon anders; halte fest, wie es eben
jetzt sich kundgibt und wirkt.“ Seine Arbeit als Sprachwissenschaftler hat dem
Dresdener das Überleben ermöglicht, da ihm die Schönheit des Mensch-Seins durch
seine Tätigkeit immer bewusst war und in finsterer Zeit auch geblieben ist.
Eindrucksvoll hat Klemperer in seinem Tagebuch aufgezeigt, wie mittels der
Sprache oder besser ausgedrückt eines stereotyp gebrauchten Vokabulars,
Menschen verbrecherisch manipuliert und missbraucht werden können und er stellt
in seinen Eintragungen fest (indem er Talleyrands Satz zitiert), die Sprache
sei dazu da, die Gedanken des Diplomaten („oder eines schlauen und fragwürdigen
Menschen überhaupt“) zu verbergen. Aber genau das Gegenteil hiervon sei
richtig: „Was jemand willentlich verbergen“ wolle und „was er unbewusst in
sich“ trage, die Sprache bringe es an den Tag. Und genau das sei wohl auch der
Sinn der Sentenz: „Le style c’est l’homme; die Aussage eines Menschen mag
verlogen sein – im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hüllenlos offen.“

 Im Laufe
unseres Lebens machen wir Menschen uns immer mehr Begriffe von Erscheinungen
wie Gegenständen, Merkmalen, Prozessen, Zusammenhängen oder Sachverhalten sowie
Beziehungen zwischen diesen. Auch über die persönlichen Lebensbereiche hinaus
dringt ein Jeder mit Hilfe der vielfältigen Möglichkeiten der
Informationsübertragung in immer weitere Bereiche der Wirklichkeit vor. Um uns
Kenntnisse oder Wissen über die uns im Leben begegnenden Zustandsformen des
Seins aneignen und uns darüber verständigen zu können, müssen die Erscheinungen
benannt werden. Ein Berg, ein Baum, ein Stein oder sonst ein Gegenstand trägt
aber keine Benennung in sich selbst, sondern er wird vom Menschen unter
Berücksichtigen des – mehr oder weniger – vorhandenen Wissens über seine
Erscheinungsform  mit Hilfe eines
bestimmten sprachlichen Zeichens benannt. Diese Benennungen beinhalten ganz
bestimmte Bedeutungen, durch die sie den Angehörigen einer sprachlichen
Gemeinschaft verständlich sind. Sowohl inner- als auch außersprachliche
Faktoren prägen die Entwicklung des gesamten Systems der Ausdrucksmittel einer
Sprache, also ihres lexikalischen Bestands, ihrer Grammatik, ihrer
Rechtschreibung und so weiter.

 Einen Sachverhalt, über den man
nicht richtig informiert ist, kann man nicht richtig beurteilen; Dinge, die man
nicht kennt, kann man nicht beschreiben und einen Vorgang, über den man sich
nicht im Klaren ist, kann man nicht verständlich darlegen. Die Sprache und das
Denken sind eine untrennbare Einheit, das bedeutet jedoch nicht, dass sie
identisch sind. Im Rahmen der Wechselbeziehungen zwischen Sprache und Denken,
Wort und Begriff, Satz und Urteil ist die Sprache die Praxis, das Denken die
Theorie. Das hatte auch schon der römische Staatsmann und Philosoph Cato – er
lebte von 234 bis 149 vor unserer Zeitrechnung – begriffen. Von ihm stammt der
Ausspruch: „Rem tene, verba sequentur (Habe die Sache, so folgen die Worte).“

3 MÜHLHÄUSER BRIEFE 2013

 

Mühlhäuser Brief, Februar 2013

 

Erster Brief an alle, die meinen, dass der Kapitalismus reformierbar sei

 

 Unsere Welt wird immer deutlicher von der
allgemeinen Krise des Kapitalismus geprägt. Akut äußert sich diese im
Wirtschaftsraum der Europäischen Währungsunion als Schulden- und Bankenkrise,
als massive Rezession und als Krise der Eurozone insgesamt. Durch harte
Sparprogramme in den betroffenen Ländern wird die Krise weiter verschärft.

 Die altbekannte Tatsache, dass die Reichen
immer reicher und die Armen immer ärmer werden, wird in drastischer Weise immer
offensichtlicher. Es gibt auf der Erde 225 Menschen, die ein Vermögen von einer
Billion Dollar besitzen. Das ist genauso viel wie die Hälfte der Menschheit,
nämlich drei Milliarden, an jährlichem Einkommen hat. Gleichzeitig haben 1,3
Milliarden Menschen pro Tag zum Leben weniger als den Gegenwert eines Dollars.
Zwei Milliarden können ärztlich nicht regelmäßig versorgt werden und haben kein
sauberes Trinkwasser.

 Muss und darf es in der grundlegenden, der
wirtschaftlichen Sphäre menschlichen Handelns unmoralisch zugehen? Kann sich
der Mensch nur profitorientiert und überlegenheitsmotiviert wirtschaftlich
bewegen?

  In Ökosystemen werden Stoffe, Energie und
Informationen produziert, verteilt, ausgetauscht und verbraucht, wodurch die
momentane Existenz und die künftige Entwicklung sowohl der einzelnen als auch
aller Beteiligten ermöglicht wird. Ökosysteme passen sich spontan an ihre
äußeren und inneren Bedingungen an und bewegen sich erhebend, verkomplizierend
und ihre Existenz bewahrend, solange es eben die gegebenen Bedingungen zulassen.
Erst das biopsychosoziale, zu Kreativität begabte Wesen Mensch kann die
Spontaneität natürlicher Entwicklungslinien in der Kultur seines Willens durch
produktives Wirtschaften aufheben.

 Wirtschaft ist immer ein Zusammenspiel von
Produktion, Zirkulation, Distribution und Konsumtion. Sich selbstbewusst als
biopsychosoziales Wesen begreifend, kann und muss der Mensch sein Wirtschaften
so gestalten, dass jeder seinen ihm gemäßen und möglichen, seiner menschlichen
Würde, seinen Fähigkeiten und seinem Wollen entsprechenden Anteil am Erzeugen,
am Austausch, an der Verteilung, wie auch am Verbrauch aller der Gemeinschaft
zur Verfügung stehenden Gegebenheiten und Bedingungen haben kann. Erarbeiten,
austauschen, verteilen und nutzen sind Bewegungsvorgänge der wirtschaftlichen
Sphäre des menschlichen Handelns, in der er seine Lebenskraft umsetzt, um
nützliche materielle und geistige Güter und Dienstleistungen zu schaffen.

 Das Verdienst der bürgerlichen
Arbeitswerttheorie, wie sie vor allem von William Petty, Adam Smith und David
Ricardo vertreten wurde, bestand darin, dass sie in der menschlichen Arbeit die
Quelle des Wertes erkannte. Aber sie verkannten die historische Spezifik der
wertschöpfenden Arbeit, weil sie die kapitalistische Produktionsweise als
„ewige Naturform“ der Produktion auffassten. Spezifisch für das kapitalistische
Wirtschaften ist es erstens, dass jedes Arbeitsprodukt sowohl einen
Gebrauchswert, um es feilbieten, und einen Tauschwert, um es, vermittelt durch
Geldwerte gegen andere Arbeitsprodukte zwecks deren Gebrauchs, austauschen zu
können.  Und wesentlich für die
kapitalistische Produktionsweise ist es zweitens, dass man hier zwischen der
konkreten, produktiven, nützlichen Arbeit, die Gebrauchswerte hervorbringt, und
der abstrakten, von ihren konkreten Formen abstrahierten und allgemein
gleichen, menschlichen Arbeit, unterscheiden muss. Diese abstrakte, im
gesamtgesellschaftlichen Produktionsprozess geleistete Arbeit wird von
Privatproduzenten für die Gesellschaft als Teil der gesellschaftlichen
Gesamtarbeit entsprechend ihrer Privatinteressen verausgabt. Indem der
Gebrauchswert von bürgerlichen Ökonomen mit dem eigentlichen Wert einer Ware
fälschlicher Weise identifiziert wird, kann der Wert eines Arbeitsproduktes nur
aus den äußeren Erscheinungsformen, wie Produktionskosten, Angebot und
Nachfrage erklärt werden. Der eigentliche Wert von Arbeitsleistungen setzt sich
aus Gebrauchs- und Tauschwert zusammen und wird deshalb auch als Mehrwert
bezeichnet. Um die für das Wirtschaften notwendigen Kreisläufe zwischen Produktion,
Distribution und Konsumtion zu gewährleisten, sind Waren gegeneinander nur
austauschbar, wenn sie gleiche Mengen gesellschaftlicher Arbeit verkörpern. In
der Regel wird der Austausch der Waren durch Geld vermittelt.  Dabei ist der Preis der Geldausdruck des
Wertes einer Ware. Allein die abstrakte Arbeit bringt den Wert (Mehrwert) der
Arbeitsprodukte hervor.

 Spezifisch für das kapitalistische
Wirtschaften ist es auch, dass gesamtgesellschaftlich erbrachte
Arbeitsleistungen in privatem Interesse verwendet werden können. Werden Waren,
besonders die Ware Arbeitskraft, nicht richtig bewertet, so werden die
Wirtschaftskreisläufe gestört oder gar unterbrochen und es kommt zu
Wirtschaftskrisen, sozialen Ungerechtigkeiten und ökologischen Katastrophen.

 

Mühlhäuser Brief, Februar 2013

 

Zweiter Brief an alle, die meinen, dass der Kapitalismus reformierbar
sei

 

 In der Zeit nach Beendigung des Zweiten
Weltkrieges, gab es in der Welt des kapitalistischen Wirtschaftens eine gewisse
„Reformeuphorie“. Mit der Behauptung, mittels der wissenschaftlich-technischen
Revolution sei es möglich, im Rahmen des Kapitalismus die Grundlegenden
sozialen Widersprüche zu beseitigen, wurden verschiedene Theorien der
„Sozialpartnerschaft“ oder der „Klassenharmonie“ aufgestellt. Heute ist es
offensichtlich, dass sich der Kapitalismus nicht reformieren lässt. Die
grundlegende Ursache dafür ist die Notwendigkeit, dass das Kapital zur
erweiterten Reproduktion des Wirtschaftsgeschehens also des
Wirtschaftswachstums und damit des Erarbeitens 
von immer mehr Mehrwert, akkumulieren muss. Allgemein werden im
Reproduktionsprozess die Bedingungen zur Fortsetzung der Produktion erneuert
die stofflich-wertmäßigen Bedingungen und die Arbeitskräfte ebenso wie die
gesellschaftlichen Verhältnisse. Das kapitalistische Streben nach Vergrößerung
des Mehrwerts, zwingt das Kapital zu erweiterter Reproduktion, die Wiederholung
des Produktionsprozesses auf jeweils höherer Stufe. Das ist nur möglich, wenn
ständig ein Teil des erzielten Mehrwertes in Kapital verwandelt wird.
„Anwendung von Mehrwert als Kapital oder Rückverwandlung von Mehrwert in
Kapital heißt Akkumulation des Kapitals“, sagt Karl Marx dazu.

 Die erweiterte Reproduktion und damit das
Wirtschaftswachstum ist für die kapitalistische Produktionsweise eine zwingende
Notwendigkeit. Erstens zwingt der Konkurrenzkampf zu immer kostengünstigerem,
rationellerem Produzieren. Zweitens hängt die Realisierung immer höherer
Profitraten von der Eroberung immer neuer Märkte und Einflusssphären ab, das
Profitstreben treibt das Kapital zur Globalisierung. Und drittens schließlich
ist der Trieb zur schrankenlosen Ausdehnung der Produktion untrennbar mit dem
Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate verbunden. Dieser Fall ergibt sich
infolge der Produktivkraftentwicklung, insbesondere durch den
wissenschaftlich-technischen Fortschritt. Dadurch wird Kapital immer mehr in
Form von Anlagen, Maschinen, Technik und so weiter aufgewandt, also
Produktionsmitteln, die das durch ihren Einsatz Überproduzierte im Gegensatz
zur menschlichen Arbeitskraft nicht zum Zweck der Konsumtion und der eigenen
Regeneration, mit anderen Produkten und Arbeitsleistungen austauschen müssen.
Oder anders gesagt, es wird Gebrauchswert produziert, der nicht in diesem
Umfang gebraucht wird und deshalb keinen Tauschwert hat. Es wird demnach so
nicht genug Mehrwert zur Akkumulation realisiert, da Mehrwert nur das Ergebnis
von lebendiger und nicht von vergegenständlichter Arbeit sein kann.

 Die für die kapitalistische Produktionsweise
existenziell notwendige, erweiterte Reproduktion des Produktionsprozesses kann
nur durch den Einsatz von Mehrwert für die Kapitalakkumulation realisiert
werden. Da durch das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate tendenziell
zu wenig Mehrwert generiert wird, müssen sich kapitalistische
Betriebswirtschaften geldwertes Kapital durch Kredite oder Börsenspekulation
beschaffen. So wird die reine Profitmaximierung oder das reine
finanzwirtschaftliche Kalkül als das alles beherrschende Handlungsziel wirksam.
Das ist aber keine kausale Lösung des grundlegenden Problems der
kapitalistischen Produktionsweise. Im Gegenteil werden sämtliche
gesellschaftlichen Widersprüche, die durch diese hervorgebracht werden,
ebenfalls Tendenziell weiter verschärft. Die immer schwieriger bis schließlich
ganz unmöglich werdende Höherentwicklung der Produktivkräfte verstärkt die
Lebensbedrohlichkeit der kapitalistischen Produktionsweise.
Betriebswirtschaften müssen die Nützlichkeit ihres Unternehmens auf Grundlage
fast nur vorfinanziert möglichen Tätig-seins und anschließender Verpflichtung
zur Kredit- und Zinstilgung dem Streben nach Profit unterordnen und werden im
gnadenlosen Konkurrenzkampf verschlissen. Volkswirtschaften lösen sich im
Rahmen der auf Druck der internationalen Finanzmärkte sich durchsetzenden
Globalisierung auf, wodurch zunehmend Überschussproduktion von immer weniger an
der Produktion Beteiligten, nicht proportionaler Austausch, ungerechte
Verteilung sowie teils verschwenderisch und weitaus größeren teils unzureichend
möglicher Konsum das Leben aller Menschen bestimmen. Staatsapparate, eigentlich
verantwortlich, möglichst hoher Nützlichkeit verpflichtete,
volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Aktivitäten zu stimulieren,
sind kaum noch in der Lage zu agieren und reagieren immer hilfloser, da dem
gesellschaftlichen Getriebe immer mehr das bisschen sozialen Öls, wie Bismarck
es nannte, ausgeht, da das Ökosystem Erde immer mehr zum Kollaps hin gefährdet
wird, da der ausgebeutete, unterdrückte, diskriminierte, verhungernde,
geplagte, verelendende, dahinvegetierende Großteil der heute lebenden Menschen
immer offener mit psychischer und physischer Gewalt ruhig gestellt werden muss.

 

 

Mühlhäuser Brief, Februar 2013

 

Dritter Brief an alle, die meinen, dass der Kapitalismus reformierbar
sei

 

 Kapitalismus ist die Formation
gesellschaftlicher Entwicklung, in welcher der Mensch mittels der Ausbeutung
des Menschen durch den Menschen die Produktivkräfte in enormer Geschwindigkeit
und hoher Effektivität beträchtlich steigert. Die durch wissenschaftlich –
technische Revolution und Akkumulation des Kapitals erbrachte Wirtschaftskraft ermöglicht
die notwendige und ständige, gesamtgesellschaftliche Reproduktionserweiterung
allerdings nur so lange, bis sich die grundlegende und letztlich alles
bestimmende Triebkraft des wirtschaftlichen Geschehens, nämlich der Mehrwert
heckende Mehrwert, so weit von den Motiven zum gesellschaftlichen Stoff-,
Energie- und Informationswechsel entfernt, dass das Kapital sich nicht mehr
auf- bzw. entladen, also akkumulieren kann: es wird fast nur noch produziert
und ausgetauscht, was Maximalprofit verspricht; es zirkulieren überwiegend
Wertpapiere und Anlagen und immer weniger Waren und Leistungen; es haben immer
weniger Menschen die Möglichkeit am gesellschaftlichen Produktionsprozess
teilzunehmen, profitable Massenkonsumtion kann immer schlechter realisiert werden.
So getrieben erobert sich das Kapital die Welt, um zu bestimmen, was, wo, wie,
wann und von wem produziert, verteilt, ausgetauscht und konsumiert wird.

 Das ethische Grundproblem der kapitalistischen
Wirtschaftsweise ist, dass jede menschliche Regung auf eine Ware – Geld –
Beziehung reduziert wird, alles ist käuflich, alles wird feilgeboten. Das
Schaffen nützlicher Gebrauchswerte ist lediglich ein Mittel zum Zweck der
Erzeugung austauschbarer Mehrwerte, mit denen sich wiederum Mehrwerte erzielen
lassen und das sogar durch zerstören von Gebrauchswerten, Verhinderung deren
Erzeugung oder deren unsinniger Zirkulation, wie es die Produktion von Waffen,
die Vernichtung von Lebensmitteln, Überproduktionskrisen, die Praxis von
Reimporten oder die Mehrwertschöpfung in sogenannten Freihandelszonen und
vielem anderen mehr darstellen. Nicht der Mensch mit seinen Bedürfnissen,
Ansprüchen und vor allem seiner wahren Bestimmung sind Triebkraft und
Zielstellung des kapitalistischen Wirtschaftsgeschehens sondern der Mehrwert
heckende Mehrwert, darum kann es in der kapitalistischen Marktwirtschaft nicht
um Ethik gehen.

 Jede Kulturleistung der
Menschheit muss durch schöpferisches Arbeiten erwirtschaftet und in politischem
Diskurs gestaltet werden. Ob durch Einzelne, Gruppen, Parteien, Klassen,
Parlamente oder Regierungen gestaltet, immer ist Politik Interessenvertretung
und somit kämpferische Auseinandersetzung. Es werden Fragen und Probleme
verschiedener gesellschaftlicher Bereiche, wie der Wirtschaft, nationaler und internationaler
Normen des Zusammenwirkens der Menschen, des Gesundheitswesens, der Bildung und
Erziehung, der Verteidigung, des Schutzes, der Rechtsbeziehungen, von
Familienangelegenheiten, der Moral, der Freiheiten und Verpflichtungen, der
Ästhetik, also aller Verhältnisse und Kreisläufe der zwischenmenschlichen
Wechselbeziehungen diskutiert und beraten beziehungsweise Maßnahmen beschlossen
und umgesetzt, die diese Fragen und Probleme beantworten und einer Lösung
zuführen sollen.

 Je nach Charakter der Gesellschaftsverhältnisse
unter denen Politik stattfindet, geschieht dies überwiegend kontrovers oder
ebenso konstruktiv, herrscht mehr oder weniger Toleranz, wird Macht und Gewalt
tendenziell im mehrheitlichen Konsens oder in diktatorischer Einseitigkeit ausgeübt.
Politik ist die Art und Weise, wie ein Gemeinwesen geführt und gestaltet wird,
sie ist eine Kulturleistung der Menschen, die in Gesellschaft zusammenleben.

 Mittels der Wirtschaft fügt sich
der Mensch in die Bewegungsvorgänge der Wirklichkeit, konkreter in den Stoff-
und Energiewechsel beziehungsweise die informationsübertragenden Kreisläufe
zwischen allen Produzenten, Konsumenten und Reduzenten des Ökosystems Erde ein.
Von Kulturstufe zu Kulturstufe erarbeiten sich die Menschen, aus allumfassender
Wahrheit schöpfend, das Wissen und Können, um alle ihre Bedürfnisse befriedigen
und ihre Wirklichkeit in schöner Vervollkommnung gestalten zu können.

ISBN

ISBN-10: 3842240384
ISBN-13: 978-3842240384